Engel für den Augenblick

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Dieses Ereignis liegt schon ein paar Monate zurück, aber ich erzähle gern davon, weil es mich heute noch bewegt und auch die meisten Menschen denen ich davon berichte.

Es muss ungefähr im September 2009 gewesen sein. Es war einer dieser Tage an denen man sich einfach rundherum beschissen fühlt. Einer der Tage, an dem Dir schon beim Aufwachen die Tränen in den Augen stehen und Du weißt nicht mal so genau warum. Du magst es ahnen, aber warum sie ausgerechnet jetzt mit solch einer Heftigkeit nach draußen drängen, kannst Du Dir nicht erklären. An einem solchen Tag geht natürlich auch alles schief was nur schief gehen kann, du stolperst über deine eigenen Füße, schmeißt Sachen um, hast Lust auf überhaupt nichts und obendrein auch noch einen Bad-Hair-Day. Meine Laune hatte ihren Tiefpunkt also erreicht. Aber es half ja alles nichts. Im Bett verkriechen und einfach zwei Stunden heulen war nicht drin, denn meine beiden Kater Marlon und Spencer maunzten mich hungrig an und das Futter war alle. Mein eigener Kühlschrank hatte auch nichts mehr zu bieten und so war ich doch tatsächlich gezwungen, einen Schritt vor die Tür zu wagen. „Na großartig! Wenn mich jetzt einer nur schief anguckt, flippe ich wahrscheinlich aus!“, dachte ich.

Und so klemmte ich mich, kurz bevor hier die Bürgersteige hochgeklappt werden, hinter Lottas Steuer (Lotta ist mein Auto) und machte mich heulend auf den Weg zum Fressnapf. Nach dem Großeinkauf und den in den letzten Monaten ca. 300 Euro die ich dagelassen hatte, hatte ich dann auch endlich mal meine Treuepunkte zusammen und durfte mir als Dankeschön einen kleinen Stoffhund aussuchen. Wow, was für ein Ausgleich. Ich entschied mich für einen kleinen Cockerspaniel, taufte ihn auf den Namen „Joe Cockerspaniel“ und verließ nur unwesentlich aufgemuntert den Laden. In dem Moment hörte ich hinter mir eine Stimme: „Na, haben Sie nun auch ihr Stofftier bekommen? Also mein Balu liebt seinen Hund ja. Er trägt ihn im Maul durch die ganze Wohnung.“ Ein Blick in den Einkaufswagen der Dame verriet, dass es sich bei Balu auch um einen Kater handeln musste. Ich lächelte freundlich zurück und sagte: „Na, da bin ich ja mal gespannt, was meine beiden Racker damit anstellen werden. Ist ja fast zu schade zum Zerfleddern.“

Sie: „Ach, sie haben zwei? Sind die auch noch klein?“
Ich: „Kein Jahr alt.“
Sie: „Ja, ich wollte ja keine mehr haben, nachdem unsere letzte Katze gestorben war, aber dann ist vor einem halben Jahr mein Mann gestorben, nach über 25 Jahren Ehe, und vor ein paar Wochen standen meine Kinder mit Balu in der Tür. Er war noch ein ganz kleines Babykätzchen. Sie sagten, ich bräuchte etwas das mich aufmuntert und er war so süß, da konnte ich einfach nicht Nein sagen. Jetzt bin ich froh ihn zu haben. Er muntert mich ganz schön auf in dieser schweren Zeit. Es ist unerträglich plötzlich ganz allein zu sein.“
Ich: „Oh, das tut mir sehr leid. Ich kann Ihnen das nachfühlen. Bei mir ist auch gerade jemanden gestorben, den ich geliebt habe. Und zwei quirlige Kater können einem da schon die Tage retten.“
Sie: „Oh je, das ist ja noch schlimmer. So jung!? Wie tragisch.“
Ich: „Ob das schlimmer ist, möchte ich nicht beurteilen. Es ist tragisch, dass er so jung war, aber sie haben ihr ganzes Leben mit ihm geteilt. Das musst sehr viel schwerer sein.“

Die ganze Zeit über schaute sie mich so herzlich und einfühlsam an, und innerhalb von wenigen Sekunden fühlte ich mich dieser völlig fremden Frau wahnsinnig nah und verbunden. Ich weiß nicht mehr wie es dann dazu kam, dass ich ihr auch noch erzählte, dass ich gerade meinen Job verloren hatte und erstmal nicht so genau wüsste wie es weiter gehen soll.

Sie: „Ach, das ist so unfassbar. Überall höre ich das. Was ist nur heute los? Ich bin jetzt 59 Jahre alt (Wie bitte? Hätte Sie 49 gesagt, hätte ich das auch noch geglaubt. Eine sehr fesche Frau für ihr Alter.) und habe bald 30 Jahre in meiner Firma gearbeitet. Mein Chef hat mich gebeten doch noch ein paar Jahre zu bleiben, aber ich hab gesagt, dass ich den Platz jetzt für einen jungen Menschen räumen möchte. Jetzt hat er stattdessen eine Auszubildende. Es ist so wichtig, dass ihr jungen Menschen euch was aufbauen könnt. Was sollen wir alten Menschen euch die Plätze wegnehmen? Ihr fangt doch gerade erst an. Müsst euch ein Leben aufbauen, Familien gründen. Ich hab das doch alles schon geschafft.“

Im Anschluss gab noch ein freundliches Wort das andere und als dieses Gespräch beendet war, sagten wir nicht etwa „Tschüss“ und gingen unserer Wege, nein, wir nahmen uns in die Arme. Für den Bruchteil einer Sekunde nur, aber in diesem Moment passierte so viel zwischen uns: Trost spenden, Aufmuntern, Wärme und Geborgenheit austauschen und das seltsame Gefühl von „Wir sind alle nicht allein!“ Es war unglaublich. Da liege ich auf dem Parkplatz vor dem Fressnapf einer völlig fremden Frau in den Armen und ganz plötzlich war alles anders. Kurz darauf stiegen wir beide in unsere Autos ein und ich wusste, ich würde diese Dame niemals wiedersehen. Aber das war auch nicht wichtig. Sie war ein „Engel für den Augenblick“.

Zurück in meiner Lotta tauschte ich die melancholische Musik von Sigur Ros gegen Peter Fox und fuhr laut singend weiter zum Edeka Markt. Plötzlich hätte ich Bäume ausreißen können. Der ganze Tag war gerettet.
Manchmal lohnt es sich, sich auf die Straße zu quälen. Manchmal lohnt es sich, einfach nett zu Fremden zu sein. Manchmal passieren ganz unerklärliche Dinge. Manchmal sind wir alle nicht allein.

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  1. Ich sitze jetzt heulend an meinem Schreibtisch!!!

    Was für eine zu Herzen gehende Begegnung. Und während ich so las dachte ich, die haben sich bestimmt in den Arm genommen, das wäre nämlich mein Impuls gewesen.
    Und – habt ihr ja auch.

    Es sind solche Begegnung (u.a.), die das Leben sehr sehr lebenswert und kostbar machen.
    Genau wie meine mit Alfred am Freitag.

    • Als ich von Alfred las, musste ich sofort wieder an diesen Moment denken. Solche Begegnungen hat man leider nur selten im Leben, aber wenn man sie hat, begleiten Sie einen jahrelang. Und das Schöne ist, dass beide beteiligten Person etwas davon haben. Es ist, als gäbe die Welt einem etwas zurück.
      Man müsste viel öfter die Augen für andere Menschen offen halten.

  2. Was für eine Gänsehautgeschichte… sehr schön. Und solche Erlebnisse vergisst man nie mehr wieder.
    Liebe Brummsel, dein Blog zu entdecken war auch sowas Schönes. Bin gestern zufällig drüber gestolpert (nein, nicht mit den Suchworten aus einem anderen Artikel, sondern via Versprecher)les mich grad kreuz und quer da durch und was mir entgegenkommt sind freundliches Augenzwinkern, Wärme, herrlich kreatives Chaos und ganz viel Lebendigkeit. Wie schön! Danke dafür, ich werde deinen Blog nun mal etwas erinnerbarer für mich machen 🙂
    Liebe Grüße
    Anke
    P.S. Noch so ein Favorit, der mir von gestern im Gedächtnis blieb: die Geschichte vom segelnden Samenkorn 🙂

    • Hallo liebe Anke!
      Ein ganz herzliches Willkommen in meinem Blog und vielen Dank für die netten Worte. Darüber freue ich mich sehr.
      Also mach’s Dir bequem und tob Dich hier aus. Manchmal gibt’s hier sogar Kekse 😉

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