Eine Kritik: Inside

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Inside Cover

Titel: Inside | À l’intérieur
Regie: Alexandre Bustillo, Julien Maury
Jahr: 2007
Produktionsland: USA
Genre: Horror / Splatter
Farbe

Nachdem ich mir für längere Zeit vorrangig Filme für Herz und Seele angesehen habe, war es gestern abend mal wieder Zeit für einen Horror-Schocker. „Inside“ sollte es werden. Ein Film auf den ich auf Jamie Fraters großartiger Seite listverse.com aufmerksam geworden bin. Jamie habe ich schon eine Menge guter Filme zu verdanken, vom Schmachtfetzen bis zum brutalsten Gore. Da ich ja, man mag es kaum glauben, immer für blutrünstigen Horror zu haben bin und Jamie sich derart positiv geäußert hat, dachte ich mir, es wäre an der Zeit mir eine eigene Meinung bilden.

Worum geht es?
Sarah ist hochschwanger und steht kurz vor der Niederkunft. Vier Monate vorher hatte sie jedoch einen schweren Autounfall, welchen sie selber nur knapp überlebt hat. Doch ihren Ehemann hat sie bei diesem Unglück verloren. Nun ist es Weihnachten und am nächsten Tag soll die Geburt eingeleitet werden. In ihrer schweren Situation ist ihr nicht nach der Gesellschaft ihrer Mutter und so beschließt sie, Weihnachten allein zu verbringen und der Geburt ihres Kindes entgegenzusehen. Was sie jedoch nicht ahnt ist, dass eine psychopathische Unbekannte, im Folgenden „La Famme“ genannt, ihr nach dem ungeborenen Kind trachtet. Bewaffnet mit einer Schere und später auch allem anderen, das man in einem Haus als Waffe gebrauchen kann, beginnt sie ein blutiges Schlachtfest, um sich dem Objekt Ihrer Begierde zu ermächtigen.

Kritik: !!!!ACHTUNG SPOILER!!!
Vorab sollte ich erwähnen, dass dieser Film in Deutschland nicht nur indiziert, sondern selbst in der geschnittenen Version beschlagnahmt ist. (Wo auch immer da jetzt der große Unterschied liegt.) In Österreich ist das allerdings nicht der Fall, was es „relativ“ einfach macht, sich den Film zu beschaffen. Es handelt sich um einen französischen Film und schon im Vorfeld wurde er als ein Film angepriesen, der in seinem Genre seinesgleichen sucht. High Tension (welchen ich noch nicht gesehen habe) hatte als französischer Horrorfilm bereits Maßstäbe gesetzt, die es für Inside nun zu erreichen galt. Vom Genre und der extremen Blutrünstigkeit einmal abgesehen, haben diese Filme allerdings nichts gemeinsam.
Inside fesselt den geneigten Horrorfan von der ersten Minute an. Das liegt vor allem an der guten Kameraführung, der Beleuchtung, aber noch mehr an der minimalistisch eingesetzten Musik, die von leisen, sich langsam aufbauenden Tönen bis zum hämmernden Dröhnen reicht und ihren Höhepunkt dann findet, wenn sie verschwunden ist. Denn es ist die absolute Stille, durchdrungen nur von Schmerzensschreien, die es noch schlimmer macht, die Bilder zu ertragen.
Der Film hat nur eine Länge von 80 Minuten, was aber auch die Grenze des Erträglichen darstellt. In den ersten 45 Minuten hab ich mich, so geschockt ich bereits war, noch gefragt, warum der Film indiziert/beschlagnahmt ist, wo es doch wahnsinnig viele Filme von ähnlicher Brutalität gibt, die man nach wie vor überall erstehen kann. Doch als ich das Ende des Filmes erreicht hatte, stellte ich mir die Frage nicht mehr. Hostel, The Hills have Eyes, Saw oder The Descent verblassen dagegen zu „Kinderfilmen“. Ich war der Meinung, dass es für mich nichts Schlimmeres geben könnte als „Irreversible“ und hab anschließend gesagt, dass ich ihn mir nicht noch einmal ansehen würde. Ich habe eine Menge Horror-Splatter-Gore gesehen und bin relativ abgehärtet, bzw. sehr gut in der Lage einen Film als Film abzutun, was vielleicht ursächlich für den Drang nach „Mehr“ ist, für den Drang wirklich geschockt zu sein. „Inside“ hat es nach „Irreversible“ wieder geschaft. Irreversible ist eigentlich kein klassischer Splatter. Er enthält eigentlich nur zwei wirklich schlimme Szenen, doch eine davon ist eine, ich glaube, fünfminütige Vergewaltigungs-Szene. Bei Inside möchte La Famme Sarah ihr Kind aus dem Bauch schneiden. Beide Situation sind für den weiblichen Zuschauer ungleich schlimmer als für den männlichen, sei sie auch noch so Bluterbrobt.
Inside war der erste Film aller Zeiten, der mir nicht sprichwörtlich, sondern tatsächlich kurzzeitig das Bewusstsein geraubt hat. Es waren nur die letzten 3 Minuten, doch ich konnte ich mich nicht mehr dagegen wehren, dass mir zum ersten Mal wirklich durch den Genuss eines Filmes körperlich schlecht wurde und mein Kreislauf für einen Sekundenbruchteil einfach versagt hat. Ich habe das Ende nur noch durch meine Finger gesehen, wenn ich denn noch hingeschaut habe. Das liegt daran, dass es seit „Cutting Moments“ (ein ebenfalls kaum zu ertragender Kurzfilm) zu meinen größten Horrorvorstellungen gehört, wenn Körperteile mit einer Schere geöffnet oder abgeschnitten werden. Dagegen ist ein Messer oder Skalpell Kinderkacke für mich. Blame the Struwwelpeter!

Ich habe nach dem Film das Internet durchforstet. Neben „absolut grandios perfektes Horrorkino“-Lobeshymnen, lassen sich natürlich auch extrem schlechte Kritiken, bis hin zu einem 5-seitigen Hass-Brief auf die Regisseure finden. Und beide Seiten haben Recht. Für echte Genre-Fans ist der Film mit Sicherheit ein Meisterwerk und er weiß wirklich zu fesseln und tiefes Mitgefühl für die Protagonistin zu wecken, dennoch ist die Kritik berechtigt, dass die Story so viele Logikfehler enthält, dass jeglicher Realismus verloren geht. Mal abgesehen davon, dass Sarah die Hausnummer 666 hat, was reichlich abgedroschen ist, mir selber aber zugegebenermaßen gar nicht augefallen ist. Dinge, die mir aufgefallen sind:
– Keine Frau im neunten Monat ist in der Lage auf dem Rücken zu schlafen!
– Die Polizisten sind von Anfang an strunzdumm. Kein Polizist der Welt, hätte eine Hochschwangere nach dem ersten Hilferuf völlig allein zurückgelassen, mit den Worten, dass sicher alles in Ordnung sei.
– Sarah hätte schon beim ersten Angriff von La Famme in ihrem Schlafzimmer die Möglichkeit gehabt diese zu überwältigen und zu fliehen oder Hilfe zu holen.
– Die eigene Mutter wundert sich nicht über zwei Fremde im Haus, sondern sucht erstmal seelenruhig ihre Tochter, welche die Stimme der eigenen Mutter nicht erkennt und daraufhin einen ziemlich fatalen Fehler begeht.
– Nicht mit einer Schere und schon gar nicht mit einer Spiegelscherbe kann man Löcher in Holztüren schlagen!
– Die Polizisten werden von mal zu mal noch dämlicher. Keiner sichert den anderen, niemand holt Verstärkung, weil man lieber 20 Minuten versucht eine Sicherung wieder reinzudrehen.
– Jede normale Frau hätte bereits nach dem ersten Angriffsversuch vorzeitige Wehen bekommen und eine Sturzgeburt erlitten
– Doch am hirnrissigsten ist es wohl, dass beide Hauptprotagonistinnen quasi „unverwundbar“ sind. Sarah ist zwar innerhalb kürzester Zeit mit blutigen Wunden übersät, ist für diesen Zustand aber noch extrem widerstandsfähig. La Famme hingegen hat auch nach dem sechsten Mord selber noch keinen Kratzer und lächelt am Ende nur müde über den Flammenwerfer, der ihr das Gesicht verbrutzelt.
– Und drehen wir das Ganze einmal um, müsste eine „Gute“ sich gegen 10 „Böse“ zur Wehr setzen, wäre sie innerhalb kürzester Zeit hinüber, aber hier erledigt eine „Böse“ 10 „Gute“ mit einem Fingerschnippen.

Doch Butter bei die Fische, hätte man schon den ersten Logikfehler ausgemerzt, wäre der Film nach 5 harmlosen Minuten vorbei gewesen und Sarah wäre doch noch eine glückliche Mutter geworden. All diese Kritiken sind also müßig, so korrekt sie auch sein mögen. Wie sagte schon Michael Mittermeier? „Der Film heißt Auf der Flucht, und nicht Gekriegt nach 5 Minuten!“ Strunzdumme Polizisten bleiben allerdings überflüssig und sind kaum zu verzeihen. Und auch das Ende bleibt zu bemängeln, findet es auch in puncto Brutalität seinen entgültigen Höhepunkt, so fehlt doch ein überraschender Twist, für den ich bereits eine gute Idee hätte.

Bedenke ich all diese filmischen Ungereimtheiten, und betrachte ich den Film nur aus diesem Blickwinkel kann ich ihn mir auch noch 3 mal ansehen. Der erste Schock ist jetzt sowieso verflogen. Doch trotz meiner großen Liebe zu Splatter- und Gore-Streifen muss ich mich langsam fragen: Ist das nötig? Wann reicht es mit der Blutrünstigkeit? Wäre der Film weniger beeindruckend und einschneidend gewesen, wenn er mehr wert auf die Story und weniger auf die expliziten Bilder gelegt hätte? Werden wir nie satt? Muss es immer noch schlimmer, noch heftiger, noch brutaler sein? Wem wollen wir damit eigentlich was beweisen? „Uh wow, ich bin ein(e) total Abgebrühte(r), ich kann zerfetzte, aufgeschnittene Schwangere ertragen!“ Und wann ist er endlich da der Kick, auf den offenbar noch immer alle warten? Wenn es echte Snuff-Filme auf YouTube zu sehen gibt?
Ich nehme mich selber von der Frage nicht aus. Ich wollte den Film sehen und war mehr als „gethrillt“, doch von Natur aus bin ich ein friedliebender, gefühlsbetonter, herzlicher Mensch. Was treibt mich also an, mich an solchen Filmen zu ergötzen, wo ich im wahren Leben keiner Fliege was zuleide tun könnte? Die Antwort bleibe ich mir vorläufig selber schuldig.

Cast / Sprecher:
Abschließend noch ein Wort zu den Protagonisten.
Alysson Paradis (ihres Zeichens Schwester von Vanessa Paradis und Schwägerin von Johnny Depp) als Sarah ist eine perfekte Besetzung und spielt die Rolle grandios. Verletztlich, kämpferisch und mitreißend. Man möchte Sie unentwegt beschützen,  fühlt ihre Qual die ganze Zeit über am eigenen Körper. Für meinen Geschmack erträgt sie den Horror, den sie durchleiden muss, fast schon zu tapfer und zu lautlos, aber ob man das nun ihr oder doch wieder vorrangig den Drehbuchschreibern vorwerfen muss ist fraglich.

Béatrice Dalle als „La Famme“ ist das personifizierte Böse. Eine furchteinflößendere Frau hab ich noch nie gesehen. Dagegen lade ich mir Kathy Bates alias Annie Wilkes aus Misery zum fröhlichen Nachmittagskaffee ein. Ihr lautloses Auftreten, ihre stoische Ruhe die besagt „Ich muss mich nicht hetzen, denn ich krieg dich sowieso“ und ihr extrem intensives Schauspiel machen sie zur wahren Teufelin. Allein ihre Mimik ist beeindruckend.

Der Film ist nicht besonders dialoglastig, doch ein Wort zu den Sprechern:

Sandra Schwittau als die deutsche Stimme von „La Famme“ macht ihre Sache großartig. Sie ist natürlich eine ziemliche Klischee-Besetzung, doch im Gegensatz zu Ihren Einsätzen auf Hilary Swank ist hier von Bart Simpson nichts mehr zu hören. Sandra verleiht Béatrice genau die furchteinflößende Ruhe die sie braucht. Punktabzug gibt es nur dafür, dass Sandra eigentlich besser auf jüngere Darstellerinnen passt und Frau Dalle fast schon ein wenig zu alt für sie ist. Oder umgekehrt.

Berenice Weichert als Sarah klingt mir immer noch als „Al“ aus „Eine starke Familie“ im Ohr. Zu der Zeit war sie ein Teenager. Stark verändert hat sie sich nicht, doch sie ist erwachsener geworden. Grundsätzlich eher eine zarte Stimme, die aber auch anders kann wenn sie will. Also sehr passend für Sarah, solange diese noch zum Sprechen kommt. Was ihr hier sicher zugute kommt ist, dass sie seit ihren Teenagertagen einige Erfahrung in diesem Genre sammeln konnte. So hörte man sie z. B. schon in The Crow, Dawn of the Dead, Hangman’s Curse und Dumplings (auch ein ziemlich widerliches Machwerk in dem eine Dame Föten in Ravioli verarbeitet und diese als Jungbrunnen verkauft). In letzterem war sie allerdings nur in einer kurzen Nebenrolle zu hören.

Schreien musste keine der beiden Hauptsprecherinnen. Sämtliche Schreie wurden im Original belassen und nicht synchronisiert. Das ist vermutlich auch besser so. Nur wenige Sprecherin können so gut schreien, dass es nicht gestellt oder nervig wirkt. So gesehen kamen beide Sprecherinnen nur wenig zum Zuge, denn ab einem gewissen Punkt wird fast nur noch geschrien oder gestöhnt.

Was etwas nervte war der erneute Einsatz von Klaus Dieter Klebsch als Sarahs Chef. Er ist inzwischen so inflationär eingesetzt, dass man den Fernseher nicht mehr anmachen kann, ohne ihn zu hören. Ich habe gestern vor Inside noch zwei andere Filme gesehen in denen er auch wieder zu hören war und irgendwann nervt es, so großartig er auch ist.

Resumee:
Wer einen Blutrausch sucht, von dem einem schlecht werden kann, der ist mit Inside gut beraten. Und für einen Film seines Genres ist er stilistisch großartig gemacht.
Wer Logikfehler nicht leiden kann, zart besaitet und/oder schwanger ist, oder seiner eigenen Blutgier einmal eine Grenze setzen möchte, sollte die Finger davon lassen.

Die Regisseure sind übrigens ein paar seltsame Zeitgenossen. Die hätten den Film sogar ihrer 8jährigen Nichte gezeigt.

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  1. Hallo meine Liebe,

    wow, jetzt bist Du also auch unter den Bloggern, wa? Da werde ich mir wohl Deine Seite mal speichern. Einen weiteren festen Leser hast Du somit. :o)
    Mir sind viele Sachen eingefallen, als ich Deine Gedanken zum Film gelesen habe. Besonders interessiert haben mich Deine Fragen an die Welt und im Speziellen an Dich, WARUM man sich „solche“ Filme antut, WAS einen dazu bringt, „solche“ Filme zu ertragen und so weiter. Nun, könnte man die Frage nicht etwas ausbreiten und generell fragen: WARUM HORROR? Warum begehrt der Mensch etwas, was er selber für abscheulich und widerwärtig findet? Warum entsteht eine Faszination für etwas, was man für sich eher ablehnen möchte? Nun, die Fragen sind leider nicht neu. Schon Aristoteles hat sich dies zum Drama und der Tragödie im weitesten Sinne gefragt. Warum begehrt der Mensch etwas, was er für sich selber nicht haben möchte?
    Der Film bietet hier eine gar exzellente, oder besser ausgedrückt, bildliche und hörbare (dadurch sinnlich erfahrbare) Ebenenvielfalt an, die die Sicherheit vor dem Schlimmen in sich trägt. Der Film, als Abfolge von 24 Bildern in der Sekunde, wird auf Leinwand übertragen, von DVD abgespielt etc. und im Kopf des Zuschauers zusammengetragen. Das nennt man allgemein Film, eine Projektion oder Kombination im Kopfe des Rezipienten. Die „Welt“, die der Film bietet, ist eine diegetische Welt, eine nicht wirkliche Welt, ein Ausschnitt von Welt. In dieser ist alles möglich, auch wenn sie Alltäglichkeit vortäuscht. Diese Welt ist aber auf keinen Fall die Welt, in der man selber lebt, eher nur ein Abbild und Teil. Wenn also Greueltaten in dieser Welt geschehen, so ist das weit entfernt von dem, was mich in natura betrifft. Jedoch, und da sind wir wieder beim Vielschichtenmedium Film, wirkt der Film nach. Man spürt Angst auf dem Rücken, den Herzschlag der ansteigt, Tränen die fließen, Hände die schwitzen, den Bauch, der weh tut, weil man zu viel lacht etc. Obwohl der Film längst nicht „real“ ist, macht er doch eine (im wahrsten Sinne des Wortes) erfahrbare sinnliche Situation aus. Ist das nicht genau das, was auch Film ist? Eine Projektion? Ist es vielleicht das, was einem „Sicherheit“ bei Horror gibt? Das schmerzlich-schlimme ist auf der Leinwand, oder geschieht des Protagonisten, besser Figuren im Film, ABER die Projektion der Angst, des Leids, der Hilflosigkeit, und wenn auch nur das Gefühl von irgendwas wird auf den Rezipienten übertragen. Nicht in der gleichwertigen Intensität, aber zumindest in einer scheinbar „gleichen“ Erfahrung.
    Hm, jetzt ist das ganz schön viel Geschwalle, nicht wahr!? Und ob Du damit auch was anzufangen weißt, das musst Du für Dich entscheiden. Ich wünsche Dir auf jeden Fall viel Spaß mit all den noch kommenden Filmen. Und solltest Du irgendwann High Tension sehen wollen, ich könnte Dir den leihen; auch wenn ich dazu sagen werde, dass ich HT nicht so sonderlich originell finde. Aber das steht auf einer anderen Seite.

    Grüße

  2. Ich freue mich sehr über Deinen Kommentar, mein Guter. Finde ich sehr gut, dass Du genau diese Frage auch noch einmal aufgegriffen hast. Hätte ich gewusst, dass Du auch hier mitliest, hätte ich auch genau eine solche Analyse von Dir erwartet.
    Es ist schon spannend was Du da schreibst und es regt durchaus weitere Gedanken bei mir an, ABER ein wirkliche Erklärung ist es für mich noch nicht.

    Ich stimme darin überein, dass ein Film eine für den Zuschauer unbekannte Situation erfahrbar macht. Oder er gefällt uns, weil er etwas zeigt, das wir schon kennen. In den meisten Fällen aber etwas nach dem wir uns sehnen. Darum mögen die meisten Menschen romantische Liebesfilme mit Happy End, weil wir uns im Innern alle nach der großen, erfüllenden Liebe sehnen.
    Auch leiden wir mit, wenn es dem Protagonisten auf der Leinwand schlecht geht, oder empfinden Furcht wenn es auf der Leinwand brenzlig wird. Das liegt aber vor allem an den Spiegelneuronen in unserem Hirn, die auch dafür sorgen, dass wir Mitleid mit unseren Mitmenschen empfinden, dass wir uns in andere hineinversetzen, dass wir empathisch sind.

    Das ist alles ziemlich logisch und erklärt, warum wir überhaupt gern Filme sehen. (Gleiches gilt natürlich auch für Theaterstücke und Bücher). Aber das alles erklärt mir noch nicht schlüssig die Sehensucht nach dem Blutrausch. Die Sehnsucht nach Horror, Angst und Brutalität. Wie Du schon sagtest, ist es etwas, das der Mensch für sich nicht haben möchte. Womit er niemals konfrontiert werden möchte. Ist es einzig und allein das? Dass man, ich drücke es jetzt mal sehr überspitzt aus, sagen kann „Haha, der da im Film leidet, und ich nicht…“? Steckt dahinter einzig und allein die Gewissheit, dass man sich selber ja in Sicherheit wiegen kann? Mir reicht das alles als Erklärung noch nicht aus.

    Warum leide, heule ich, wenn ich einen traurigen Liebesfilm sehe? Weil ich die Situation in gewisser Weise kenne, weil Sie mich an eigene Gefühle erinnert oder weil das dargestellte Happy End meine tiefste Sehnsucht abbildet. So können glückliche Liebesfilme sogar noch schlimmer sein, wenn sie etwas zeigen, das man selber vermisst. Das was ein Horrorfilm zeigt, kenne ich aber nicht, werde ich wohl (hoffentlich) auch nie erleben, triggert keine Erinnerungen und Erfahrungen an und spiegelt erst Recht keine Sehnsucht wieder. Davon abgesehen, dass (so widerlich der Mensch auch ist) Taten dieser Art nicht wirklich existieren. Besonders nicht wie in Inside. Es gab zwar schon diverse Fälle in denen eine Frau einer anderen das Kind aus dem Leib schnitt, aber die psychische Vorgehensweise der Täterin ist eine andere. Diese Frauen hätten wohl nicht mit äußerster Brutalität jeden der dazwischen funkt derartig gefühllos abgeschlachtet. Aber das ist auch schon wieder ein ganz anderes Thema.

    Noch immer bleibt die Frage nach dem Reiz. Liegt es nicht vielleicht eher an der dunklen Seite, die wir alle mehr oder minder in uns tragen? Die Seite die, glücklicherweise, kaum ein Mensch in derart heftiger Weise auslebt. Fragst Du mich heute, ob ich jemanden ermorden könnte, würde ich mit „Um Himmels Willen, Nein! Niemals!“ antworten, aber frag mich das nochmal, wenn ich extrem bedroht und in die Ecke gedrängt wäre und das meine einzige Fluchtmöglichkeit bedeuten würde. Theoretisch wäre ich dann in der Lage zu morden. In dem Moment „böse“ genug. Spiegeln diese Filme nicht in einer extrem übertriebenen Art und Weise das „Böse“ in uns wieder? Unsere Wut, unseren Hass, unsere Verzweiflung? Ich habe mich das lange gefragt. Doch wäre das die Antwort, hätte sie einen Haken. Warum bin ich dann beim Zusehen immer auf der Seite des Opfers und niemals auf der Seite des Täters?
    Und dann kommt noch hinzu, dass Horrorfilme ja nicht nur Angst auslösen, sondern auch häufig heftigen Ekel. Was reizt den Menschen nun wieder am Ekel? Warum z.B. ergötzen sich jährlich tausende am Dschungelcamp, wo es einzig um den Ekel geht?

    Das sind viele neue Fragen. Hier wäre mal die Sichtweise eines „Psychologen“ interessant.
    Christbaumtante, liest Du zufällig mit???

    Die Brummsel

    • Hey Brummsel,
      dass Du „Inside“ gesehen hast, tut mir leid. Ich habe diesen „Film“ (oder wie immer man diese Tortur nennen soll) vor gut einem halben Jahr gesehen. Und ich möchte jetzt keine komplette Kritik schreiben, aber mir war tagelang übel. Für mich war „Inside“ nach „Irreversible“ und „Frontiers“ der dritte Film, der meine Geschmacksgrenze unerträglich überschritten hat. Irgendwie seltsam, dass das alles fanzösische Filme sind. Mit den Filmemachern in diesem Land scheint etwas nicht zu stimmen. Aber ich kann Dir „Martyrs“ an Herz legen. Der ist zwar nicht wirklich blutig, aber extrem spannend und ein ziemlich tiefer Schlag in die Magengrube mit einem brillianten Finale. Ansonsten solltest Du Dir ganz dringend „Drachenzähmen leicht gemacht“ in 3D ansehen. Für mich der beste Film, den ich seit Monaten gesehen habe. Bis demnächst mal, HDL, Markus!

  3. Mein liebster Markus,
    ich freue mich sehr, dass Du den Weg hierher gefunden hast. Ich kann nachvollziehen, dass Dir schlecht war. Diese Franzosen sind schon ein ganz spezielles Völkchen was blutige Streifen angeht…
    Martyrs steht längst auf meiner Liste, aber bisher hab ich es nicht geschafft ihn mir zu organisieren 😦

    Sag jetzt nicht, dass Drachenzähmen Oben noch getoppt hat…

    • In meinen Augen hat „Drachenzähmen“ JEDEN Animationsfilm getoppt, den ich je gesehen habe. Dieser Film hat Herz, Spannung und herrlich verschrobene Charaktere. Außerdem sind die 3D-Flugszenen noch imposanter als bei „Avatar“. Ich war seit „Herr der Ringe“ nicht mehr so begeistert von einem Film. Also, unbedingt ansehen. Ich würde Dich auch nochmal begleiten. Hab den Film in der ersten Woche jetzt auch schon zweimal gesehen. 🙂

  4. Und? Hast Du Dir die Drachenzähmer mal angesehen? Ich mittlerweile schon dreimal. (Und das war wohl nicht das letzte Mal.)
    Falls Du übrigens mal was absolut Abartiges sehen möchtest, halt mal nach „The Human Centipede“ Ausschau. Sowohl der Trailer als auch die Beschreibung bei Wikipedia.com lösen bei mir bereits einen Würgereiz aus.

  5. Nein, wie 3000 andere Filme auf meiner Liste, habe ich mir auch die Drachenzähmer noch nicht angeschaut. Komme gerade nicht so ganz hinterher.
    Ich hab mir den Trailer von “The Human Centipede” angeschaut und erstmal ganz kräftig gelacht. Das hab ich schon, als hier den Filmtitel las. Ich hab mir auch die Wiki-Beschreibung durchgelesen. Ok, zugegeben, eine spezielle Szene von der ich dort gelesen habe ist in der Tat zum Brechen, weil Koprophagie eben einfach zum Brechen ist. Ansonsten klingt das alles sehr lachhaft. Die Idee ist schon so abstrus, dass ich es nicht ernst nehmen kann. Klingt so, als versuche da jemand auf Biegen und Brechen ein Tabu zu brechen. Auch wenn man sich auf 100%ige medizinische Korrektheit beruft, ist schon allein die Idee hirnrissig. Nicht krank, einfach nur bescheuert.
    Das kann kein guter Film sein! Und das ist nicht bezogen auf den vermeintlichen Ekelfaktor. Einfach unter cineastischen Aspekten kann der Film unmöglich gut sein, allein schon weil die Story so dämlich ist. Ich denke, ich werde ihn mir mal irgendwie organisieren, um mir ein Bild machen zu können. Ich werde wahrscheinlich eher verärgert denn gethrillt, gegruselt oder geschockt sein.

    • Hab noch mal nach ein paar Bildern geschaut. Mann, allein schon, wie die aneinander genäht sind. Da ist ja die Umsetzung aus dem Computerspiel Asphyxia drei Milliarden Mal gelungener.

      Auch wenn man sich hier natürlich nicht mehr auf medizinische Korrektheit berufen könnte. 😉
      Schau mal hier

  6. Besser spät als nie fiel mir auf, dass Du auf meinen Beitrag hier sogar nochmal reagiert hast. (Und ich entschuldige mich dafür, dass mir das irgendwie nicht aufgefallen ist.)

    Das FFF hat jetzt „Human Centipede“ gezeigt und die Kritiken sind – erschreckenderweise – gar nicht mal so übel ausgefallen. Ich persönlich hab mir das gespart und mich stattdessen über den hervorragenden Film „Chatroom“ gefreut. Ansonsten gab es da dieses Jahr nichts Großartiges. Viel Durchschnitt und das war’s dann auch schon. Eigentlich Schade. Positiv zu vermerken ist allerdings, dass viele der gezeigten Filme recht schnell ihren Weg auf Leinwand oder DVD finden werden. (Außer natürlich der fantastische „Chatroom“ – war ja klar. Grrr…)

    Aber ich hab da ja noch eine kleine (und vermutlich nicht hundertprozentig originale) Bösartigkeit von einem Bekannten überreicht bekommen. Das ganze Ding schimpft sich „A Serbian Film“. Nach den Ankündigungen divereser Zuschauer und den Informationen in unzähligen Foren, habe ich mich getraut, die ersten fünf Minuten zu schauen. Und jetzt hab ich den ersten Film gefunden, den ich nur so früh wieder ausgemacht hab, weil die Berichte im Vorfeld mich zu sehr verunsichert haben.

    Stattdessen hab ich es nachgeholt, mir mal endlich „TCM – The Beginning“ anzusehen. Und wenn ich ehrlich sein soll: Den hätte ich wirklich besser nach ein paar Minuten ausgemacht. Die Schauspieler konnten nicht schauspielern, die Schocks konnten nicht schocken, der Ekel konnte mich nicht ekeln, der Hintergrund war nicht hintergründig und die Spannung nicht spannend.

    Was macht also der geneigte Fan, um sich zu unterhalten? Er greift zu einem seiner liebsten Horrorfilme. Also führte ich mir „The Descent“ zu Gemüte. Das machte dann irgendwie doch Lust auf einen zweiten Teil. Gesagt, gekauft, angesehen und schon wieder enttäuscht worden. Warum bitte behaupten alle „The Descent 2“ wäre fast genauso gut wie sein Vorgänger? Spätestens, wenn einer der Crawler der Hauptdarstellerin auf den Kopf schei***, verliert der Film jegliche Ernsthaftigkeit.

    Was jetzt? Was jetzt? Was jetzt? Genau, ich vertraue der Homepage „Hartigan’s World“ und besorge mir Clive Barker’s „Dread“. Und noch eine Enttäuschung. Trotz aller physischer und psychischer Härte, machte die laienhafte Darbietung der Jungdarsteller alles zunichte.

    Da ich mit meinem Latein am Ende bin, tätige ich einfach einen Spontan-Kauf. Und greife bei „Deadgirl“ zu. Diese Coming-of-Age Geschichte der besonderen Art verursacht neben Würgereiz leider weder Spannung noch Grusel oder sonstwas. Einzig die Szene, als die Vagina der Zombie-Lady zu trocken ist und der Teenie daher als Ersatz ein Loch in ihren Bauch bohrt, war schon wieder so bescheuert, dass ich drüber lachen konnte.

    So, ich gucke mir jetzt „Martyrs“ oder „Hellraiser“ an. Und hoffe darauf, dass ich in der nächsten Zeit mal wieder besseren blutigen Stoff für meinen DVD- oder BluRay-Player bekomme.

    Und ich bleibe gespannt auf „Piranha 3D“ und „Saw 3D“

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