Warum Chatroulette besser ist als sein Ruf

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Im Internet wird seit längerem, und in den Medien seit kurzem, die neuste Errungenschaft des Web 2.0 heiß diskutiert. Ihr Name: Chatroulette!

Eine Chatroulette-BegegnungNachdem am Freitag Nachmittag sogar der EinsLive Moderator kurz über seine Erfahrungen berichtete, war ich endgültig so neugierig, dass ich es jetzt auch mal ausprobieren wollte. Also nutzte ich das Wochenende für eine, naja, sagen wir mal…. analytische Studie.

Für alle die bis jetzt noch im Dunkeln tappen, sei das Prinzip Chatroulette kurz erklärt. Man schließt seine Webcam, und wenn man besonders mutig ist sein Mikro an, begibt sich auf chatroulette.com und klickt „New Game“. Der Bildschirm ist dreigeteilt. Rechts befindet sich das Chatfenster in dem man sich schriftlich austauschen kann. Links unten sehe ich das, was meine eigene Kamera gerade filmt und links oben sehe ich meinen Chatpartner. Darum geht es! Man wird völlig willkürlich und absolut anonym mit einem Chatpartner irgendwo auf der Welt verbunden. Live und in Farbe! Gefällt einem nicht was man zu sehen bekommt, drückt man F9 auf der Tastatur und schon wird man mit der nächsten Person verbunden. Chatroulette versteht sich selber als „Spiel“ und das ist auch nicht wirklich falsch. Erfunden wurde das Ganze von einem 17-jährigen Gymnasiasten aus Moskau. Jede Ähnlichkeit zu „Russisch Roulette“ ist rein zufällig und entspricht nicht der Intention des Erfinders.

Die stärkste Kritik der sich Chatroulette ausgesetzt sieht ist die, dass es sich hierbei um einen Tummelplatz für Exhibitionisten handelt. Ich müsste lügen, wenn ich versuchen würde das abzustreiten. Die vorrangig männlichen Zeigefreudigen dieser Welt, zeigen was sie haben (oder erst groß schrubbeln müssen) und die Voyeuristen freuen sich über die kostenlose Beglückung. Nur ist es leider so, dass das in Wahrheit kaum einer sehen möchte und so fallen die meisten, sich hart arbeitenden Knaben der F9-Taste zum Opfer. Doch der Reihe nach…

Freitag:

Als ich mich an meinen Rechner setze, um festzustellen worin die Faszination liegt, bin ich auf alles gefasst. Am Anfang steht die Aufregung. Soll ich hier jetzt wirklich für jedermann mein Gesicht in die Kamera halten? Was denken die über mich? Ich hab doch noch nicht mal eine Show zu bieten… Show? Wieso Show, mögen Sie sich jetzt fragen. Doch CR bietet mehr als nacktes Männerfleisch. Die meisten setzen sich mit ihren Freunden vor die Kamera, oder sie sind lustig verkleidet, oder sie singen, oder machen sonstwie ein wenig Musik, oder sie halten einfach Zettel mit lustigen Botschaften in die Kamera, oder, oder, oder. Ich sitze einfach nur da, in Schlabberklamotten. Meine Kater rocken hinter mir das Sofa. Das kann doch schon mal was, oder? Mein Mikro schließe ich nicht an. Zu Feige. Na dann, auf ins Getümmel.

Es dauert eine Weile, bis ich es schaffe die erste Verbindung aufzubauen. Es beginnt mit einem männlichen Oberkörper im T-Shirt. Er traut sich nicht sein Gesicht zu zeigen. Ich drücke F9. Dann ein älterer Herr mit Bart. Nicht gerade spannend. Ich drücke F9. Der erste Penis. F9. Der zweite Penis. F9. Ein Mann um die 40 mit kurzem dunklen Haar. Er tippt „Hi“ ins Chatfenster und ich schreibe „Hi“ zurück. Innerhalb von 2 Minuten stellt sich heraus, dass er Franzose ist. Er schreibt mir, ich wäre „beautiful“ und drückt dann F9. Ich fühle mich kurz geschmeichelt, bin dann aber nicht weiter traurig, dass er beschlossen hat, seine Reise fortzusetzen. Wieder ein Penis. Und wieder F9 meinerseits.

Dann ein Typ der die Kamera halb seitlich von sich aufgestellt hat. Er sitzt offenbar auf seinem Bett und sieht irgendwie traurig aus. Er schreibt „Hi“ und ich frage ihn, warum er so traurig sei. Wäre er nicht, meint er, er hätte nur 10 Stunden gearbeitet und sei ziemlich müde. Er heißt Avi (Avraham) ist 25 Jahre alt, studiert Meeresbiologie und lebt in Jerusalem, Israel. Wir amüsieren uns über die vielen Penisse, die ja doch niemand sehen möchte und ich frage ihn spaßeshalber, warum er sich entschieden hat, sein Gesicht zu zeigen. Er meint, mehr zu zeigen wäre unhöflich, solange er nicht vorher ausdrücklich darum gebeten wird. Es stellt sich als seine Art von ganz eigenem Humor heraus. Avi hält mich fast 2 Stunden vor der Kamera. Wir diskutieren über Gott und die Welt. Darüber wie schwer das Studium der Meeresbiologie ist, nachdem ich ihm nur halbverständlich erklären konnte, was ich beruflich mache; über die derzeitige politische Situation in Israel; über das erfolglose Treffen von Obama und Netanjahu; darüber was die Lage für das Volk bedeutet; was unsere jeweiligen Nachrichten derzeit zu berichten haben; wie schön Israel landschaftlich ist; warum oder warum es nicht moralisch verwerflich ist, seine primären Geschlechtsmerkmale in die Kamera zu halten. Und er erklärt mir, dass er nicht religiös ist, warum es aber eine Lebenseinstellung sei, Jude zu sein. Nach ca 2 Stunden beenden wir das Gespräch und ich bin beeindruckt. Erstens hat sich mir soeben ein völlig anders Bild von CR eröffnet, als ich es erwartet hatte, zweitens packe ich mein Vorurteile in eine große Schublade, schließe ab und werfe den Schlüssel ins Klo. Man glaubt immer, die Menschen im mittleren Osten wären so anders. Andere Kultur, andere Lebenseinstellung, anderer Glaube, emanzipatorisch auf dem Stand von Vorgestern. Avi mag eine Ausnahme gewesen sein, aber abgesehen davon, dass er in einem politisch arg gebeutelten Land lebt, unterscheidet er sich nicht von meinem Nachbarn um die Ecke. Sein Schlafzimmer, weitestgehend in weiß gehalten, könnte auch in Essen-Huttrop stehen und er denkt, fühlt und empfindet nicht anders als wir. Ich danke Chatroulette für die Völkerverständigung!!

Es geht weiter mit einem Penis. Kenn ich schon, denke ich, drücke F9 und lande auf einer blau-weiß gestreift gekleideten Brust. Sofort richtet sich mein Gegenüber auf und grinst in die Kamera. Dann werde ich mit seinem Laptop offenbar zu einem Schreibtisch getragen und abgestellt. Ich bin verbunden mit Barrett (25) aus Virginia. Wir plappern eine dreiviertel Stunde. Diesmal ist es nicht so tiefgreifend, aber irgendwie sehr unterhaltsam. Wir diskutieren darüber, warum er blaue Bettlaken vor dem Fenster einer Jalousie vorzieht und dann eine gefühlte Ewigkeit darüber, wie es sein kann, dass wir nur eine Zeitdifferenz von 5 Stunden haben, wo Deutschland und die amerikanische Ostküste doch normalerweise 6 Stunden trennen. Schlussendlich stellen wir fest, dass die Amis schon vor drei Wochen in die Sommerzeit gewechselt haben und fassen uns erhellt an die Strin. Irgendwann erzählt er, seine Mutter wäre der Ansicht, er sähe aus, als hätte er ein Meerschweinchen verschluckt wenn er grinst. Bevor ich ihm das ausreden kann, klingelt es an meiner Tür und ich muss das Gespräch beenden.

Um kurz nach Mitternacht ist mein Besuch verschwunden und ich riskiere noch eine Runde. Ein gestresster Typ um die 30 sitzt ganz offenbar auf der Arbeit und telefoniert hektisch mit dem Handy, kreiselt auf seinem Bürostuhl herum und grinst debil in die Kamera. Ich frage ihn, was ihn dazu treibe sich auf der Arbeit mit Chatroulette zu amüsieren. Er sagt nur „Ich weiß, ich weiß“, und drückt F9. Langsam frage ich mich, wo die lustigen Cliquen sind, die es hier geben soll. Gelegentlich grölen mal 3-4 picklige, männliche Teenager in die Kamera, aber das dauerhafte Gegröle über ein weibliches Gesicht langweilt mich und ich drücke wieder F9. Nach zwei so netten Gesprächen bin auch ich selber jetzt schon wählerisch und verbanne gnadenlos alles in die F9-Hölle, was mir zu langweilig erscheint oder nicht gefällt. F9, F9, F9. Die anwesenden Männer werden zusehends verzweifelter. Viele halten Schilder hoch: „Show me your Boobs!“ Ja richtig, in puncto Fleischbeschau sind die Ausstellungsstücke hier ziemlich einseitig.

Ein, zwei Penisse später lacht und winkt jemand überschwänglich fröhlich in die Kamera. Ich finde den Typen lustig und beschließe zu bleiben. Es ist Pascal, 35 Jahre alt, wohnhaft in Arnheim. Ich stelle fest, bisher noch nicht einen einzigen Deutschen getroffen zu haben, außer vielleicht einen deutschen Penis, aber woher sollte ich das wissen. Das sage ich so auch zu Pascal und wir lachen uns kringelig. Er betreibt in seiner Freizeit Konzertfotografie und macht Musik. Nachdem er für sich festgestellt hat, dass ich aussehe wie die Sängerin von Within Temptation (ich weiß nicht wo), holt er sein Didgeridoo und ich meine Bongotrommeln hervor und wir zeigen einander was wir auf unseren tollen Instrumenten alles NICHT können. Wir reden über unsere Katzen, Holländer und Deutsche im Allgemeinen und im Speziellen und lachen eigentlich unentwegt. Es sind extrem lustige eineinhalb Stunden, aber so und nicht anders habe ich die Holländer bisher auch kennengelernt. Ich mag sie.

Ich beschließe ins Bett zu gehen, aber drücke vorher doch noch ein paar Mal F9. Ein Schild mit der Aufschrift „Show me your Socks“! Ich denke ja gar nicht daran. Weiter. Dann drei absolut bescheuerte Italiener über 50, die wie die Schweine irgendwelche Butterbrote vor der Kamera fressen und sich darüber amüsieren, was sie selber doch für tolle Hechte sind. Ich muss mich fast übergeben und routiere weiter. Und da sind sie endlich. Die von den Männern so heiß herbei gesehnten „Titten“. Für den fetten Bauch darunter sind sie drei Nummern zu klein, verstecken sich unter einem geblümten Unterhemd und werden von fetten Finger begrapscht. Einen dazugehörigen Kopf bekommt man nicht serviert. Ich ekle mich und schreibe: „Gib’s zu, Du bist ein Kerl!“ Antwort: „Nein!“ Mir bleibt nur gaaaaanz viel Glück zu wünschen und meine Reise für heute zu beenden.

Samstag:

Ich kriege keine Verbindung zustande. Chatroulette muss an so einem Tag wohl völlig überlastet sein. Wenn niemand frei ist, weil alle schon in irgendwelchen Gesprächen stecken, dann hat man wohl einfach Pech gehabt. Dann kommt endlich ein Bild. Mal wieder drei grölende Jungs, mit pinken Cowboyhüten auf dem Kopf. Ich lache, winke und drücke F9. Dann eine Liste: „Boobs 2 | Dicks 48“. Es ist eine Strichliste und mein gegenüber sieht mich wohl offenbar lachen. „Traurig, nicht wahr?“ fragt er/sie mich. In der Tat. Ich frage mein verborgenes Gegenüber, ob es diese Liste live updatet. Es sagt ja und meint, das wäre das Ergebnis von nur 30 Minuten. Ich bin nicht wirklich überrascht, auch wenn das schon mehr „Boobs“ waren als ich in zwei Tagen gesehen habe. Dann habe ich zur Abwechslung mal wieder einen Penis vor der Kamera. Ich drücke F…., nein Halt! Ich überlege kurz, schaue nochmal hin und diesmal fange ich unkontrolliert an zu lachen. Da sitzt auf der anderen Seite doch tatsächlich so ein armes Würstchen und massiert seine klitzekleine Winzigkeit mit 2 Fingerchen. Jeder Finger mehr hätte ihn zerquetscht. Jetzt muss dieser arme Kerl es ausbaden, und ich räche mich an ihm für die vielen präsentierten und nicht gewollten Härten! Ich lache so hemmungslos und offensichtlich in die Kamera wie es nur geht, dabei zeige ich mit Daumen und Zeigefinger der linken Hand einen Zentimenter, mit der rechten Hand zeige ich auf ihn. Das muss er doch jetzt sehen! Ich kugle mich fast vom Hocker. Jetzt endlich schnallt er es und zeigt mir seinen Mittelfinger, welcher größer ist als sein „bestes“ Stück. Dass ich jetzt fast Tränen lachen muss, begreift er wohl nicht. Ja ja, ich weiß, ich bin des Teufels Waschweib. Wen juckt’s? Ich drücke F8 und beende das Spiel!

Im Internet findet man einige Erfahrungsberichte zum Thema Chatroulette. Neben all der Kritik wird der Sache aber auch ein gewisser Suchtfaktor nicht aberkannt. Und ich stimme dem zu. Es macht Spaß, es ist lustig und es ist wie eine Schachtel Pralinen. Man weiß nie was man….  Zwischen den größeren und kleineren Übeln die an manchen Männern nun mal so dranhängen, kann man mit ein wenig Glück auch wirklich interessante Menschen kennenlernen. Heute morgen berichtete das Sat.1 Frühstücksfernsehen ebenfalls über Chatroulette und sprach ihm genau diese Möglichkeit vollends ab. Für Gespräche würde es sich überhaupt nicht eignen. Ich kann diese Meinung nicht teilen.

Ich gebe zu, im quantitiven Vergleich habe ich wesentlich mehr Penisse zu Gesicht bekommen. Aber im qualitativen Vergleich waren die Gespräche die ich dort führte wesentlich schöner und vor allem erheblich länger!! Ich würde und werde es wieder tun!

YouTube gewährt ein paar schöne (penisfreie!!) Einblicke in die Welt von Chatroulette.

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