Von Intellektuellen, “Gutmenschen” und Political Correctness

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Im Laufe eines normalen Tages bewege ich mich ein paar Stunden im Internet. Es beginnt immer damit, dass ich meine favorisierten Blogs durchstöbere, die mich dann meist wieder auf andere Seiten bringen, dann auf GoogleNews surfe und von Schlagzeile zu Schlagzeile springe. Da ich keine Zeitung abonniert habe, aber dennoch wissen will, was auf der Welt vor sich geht, bediene ich mich des Internets. Dabei bin ich bemüht meine Informationen aus „vertauenswürdigen“ Quellen zu erhalten und sehr oft lese ich zu einem einzigen Thema, die Beiträge verschiedener journalistischer Medien. Wer und was wirklich vertauenswürdig ist, ist nicht immer leicht zu filtern. Heute glaubst Du noch, dass ein spezielles Medium ordentlich recherchiert und Meinungsmache umgehen will, am nächsten Tag findest Du in demselben Medium einen Artikel, der all den guten Glauben wieder zunichte macht. Sagen wir jetzt einfach mal es gibt 20 große und wichtige Zeitungen und journalistische Blogs, dann kann man fast davon ausgehen, dass es zu einem Thema auch 20 unterschiedliche Meinungen und Ansichten gibt, wobei jeder von sich behauptet „Qualitätsjournalismus“ zu betreiben und auch die einzig wahre Sichtweise auf die Dinge gefunden zu haben. Wenn man sich einfach nur informieren will, besonders wenn es ein Thema ist, zu dem man selber noch gar keine allzu dezidierte Meinung hat, weil man ja eben noch nicht informiert ist, dann fällt es ziemlich schwer, Qualität von Nonsens zu unterscheiden. Zu erkennen ob eine Hintergrundinformation korrekt oder nicht korrekt recherchiert wurde. Festzustellen ob die Meinung zu der man tendiert überhaupt die richtige, ethisch korrekte Meinung wäre. Dabei macht es keinen Unterschied ob man sich in gedruckten Zeitungen oder im Internet informiert. Doch im Internet kommt noch ein ganz entscheidender Punkt hinzu. Einer, der das ganze Dilemma noch verschärft. Die Rede ist von den Kommentarspalten. Aufgrund der Kommentarspalten sieht man sich dann nämlich nicht nur mit den 20 verschiedenen Ansichten der 20 verschiedenen Medien konfrontiert, sondern auch noch mit den Meinungen von 20.000 Mitbürgern.

Neben den eigentlichen Artikeln lese ich sehr oft auch die dazugehörigen Kommentare mit großem Interesse, oft in der Hoffnung, dass sie meine eigene Meinungsfindung unterstützen. Doch je mehr Themen von immer mehr Menschen aus den unterschiedlichsten Schichten kommentiert werden, desto mehr muss ich mich von dieser Hoffnung verabschieden. Dabei sind das Problem nicht die unterschiedlichen Meinungen zu einem Thema an sich. Das wahre Problem der Kommentarspalten liegt in der Art und Weise wie viele Menschen ihre Meinungen vertreten.

Wie bereits erwähnt, bin ich bemüht meine Nachrichten aus qualitativ hochwertigeren Quellen zu beziehen, was dazu führt, dass ich vorrangig die Kommentare von, sagen wir es mal vorsichtig, gebildeteren Rezipienten zu Gesicht bekomme. Da ich weder die Online-Ausgaben der „Bild“, noch der „Welt“ lese (zumindest nicht, um sie dann ernst zu nehmen), lese auch die dazugehörigen Kommentare eher selten, auch wenn das im Falle der „Welt“ teilweise belustigend bis interessant sein kann. Der eher niedrig gebildete Leser, der vielleicht auch gar nicht weiß, dass guter Journalismus anders geht, wandert häufig vom eigentlichen Thema ab, kommt von Höckschen auf Stöckschen, weiß am Ende selbst nicht mehr, welche Meinung er eigentlich vertritt und beleidigt dann wahllos andere. Aber auch und gerade unter klugen und weit gefächert interessierten Lesern nehmen die Kommentare manchmal bizarre Auswüchse an. Auch diese kommen des Öfteren vom Thema ab und liefern sich dann wahre Kommentarschlachten unter- und gegeneinander, nur das Niveau ist ein etwas anders. Und hier sind wir an dem Punkt, der mich anfangs oft verunsichert hat, mich mittlerweile aber oft einfach nur auf die Palme treibt.

Ich habe in der Regel großen Respekt vor der Intelligenz anderer Leute, bewundere kluge Ausdrucksweisen und offensichtlich zu Tage tretendes Hintergrundwissen. Oft stehe ich dann da und denke, mein Gott, was bin ich selber doch in diesem oder jenem Bereich ungebildet und dämlich und wünsche mir, ich selber könnte ähnlich qualifiziert kommentieren. Die Angst dumm da zu stehen, oder auch das Wissen, dass meine Meinung ab einem gewissen Niveau belanglos erscheinen würde, hindert mich dann auch schon mal daran, meine eigene Meinung zu vertreten. Doch so langsam aber sicher verändert sich mein Blick auf die „klugen“ Kommentatoren. Von Ausnahmen abgesehen, kann man Kommentatoren grob in 5 Kategorien einteilen:

1. Die, die wirklich sachlich etwas zum Thema beitragen, ihre eigene Meinung zwar vertreten, aber versuchen einen objektiven Blick auf die Sache und die Mitkommentatoren zu bewahren. Das ist eigentlich die angenehmste Kategorie, und bringt oft Kommentare hervor, denen man kaum widersprechen würde oder kann. Unabhängig davon, ob man die Meinung teilt oder nicht. Sie wurde zumindest vernünftig vorgebracht. In dieser Kategorie finden sich auch die, die clever pointiert argumentieren, teilweise sehr schön artikulieren ohne überheblich zu wirken und wirklich tolle Satzgebilde entwerfen, oder herrlich ironisch sind.

2. Die, die absolut überhaupt keine Ahnung haben, aber einfach mal den Mund aufmachen, um sich auch an der schönen Diskussion beteiligen zu können. Problem: Sie wissen meist nicht, dass sie keine Ahnung haben und es interessiert sie auch nicht.

3. Die, die unbedingt ihren Intellekt zur Schau stellen müssen und mit dreißig Fremdwörtern in drei Sätzen um sich schmeißen. Oft erwecken sie den Eindruck, als täten sie das ausschließlich, um sich von der schnöden Masse abzuheben, und zu zeigen, dass sie fünf Bildungsstufen über allen anderen stehen. Anfangs waren das die, vor denen ich den größten Respekt hatte. Mittlerweile finde ich das oft nur noch bescheuert. Abgesehen davon, dass sich Intelligenz auch anders beweisen lässt, hab ich bei Schachtelsätzen über zehn Zeilen mit dreißig Fremdwörtern schon oft keine Lust mehr zu lesen. Nicht weil ich nicht mitkäme, sondern weil es nervt. Außerdem geht mir die dadurch präsentierte Arroganz wahnsinnig auf die Nerven. Muss das sein? Können die sich denn nicht einfach mal normal ausdrücken? Haben sie Angst, dass das mühsam angeeignete Wissen im eigenen Kopf einfach verpufft, ohne dass die Menschheit Notiz von dieser Genialität genommen hat? Viele Autoren aus dieser Kategorie wirken, als nehmen sie am normalen Leben gar nicht mehr teil, haben keinen Spaß, lachen und erfreuen sich wenig an den alltäglichen Dingen, weil sie zu sehr damit beschäftigt sind, in ihrer grenzenlosen Weisheit das Rad neu zu erfinden. So, als wäre ihren das alltägliche Leben völlig fremd, wirkt oft auch die nächste Kategorie:

4. Die, die unbedingt polarisieren müssen, indem sie gegen alles und jeden sind und oftmals sicher auch gezielt gegen die Masse argumentieren. Ich zweifle nicht daran, dass diese Leute tatsächlich eine, für den ein oder anderen, sehr befremdlich wirkende Meinung haben. Aber oft entsteht der Eindruck, als haben sie gerade daran ihren Spaß und ziehen eine wahnsinnige Befriedigung daraus, dass sie ja so anders denken. Nicht, dass man das falsch versteht, es geht mir nicht und keinesfalls um eine gleichgeschaltete Denkweise der Masse. Es MUSS unterschiedliche Meinungen geben und darum diskutiert man ja auch. Ich meine hier speziell die, die wirklich in unmoralische oder ethisch nicht vertretbare Gefilde abdriften und diese Meinung dann oft auch mit groben Beleidigungen zu untermauern suchen. Oft sind das dann aber auch die sogenannten Trolle. Hier gilt: Nicht beachten! Weiterlesen!

5. Die, die um jeden Preis „political correct“ sein müssen. Bloß immer nett sein, bloß nicht polarisieren, bloß nichts sagen, was andere anstößig finden könnten und vor allem, über absolut alles aufregen, was gegen die Menschheit gehen, Einzelschicksale ausschlachten, oder reißerisch wirken KÖNNTE! Am besten alles nur mit Samthandschuhen anfassen. Nun ist diese Kategorie aber eine, die man vorsichtig und gewissenhaft betrachten muss. Denn es gibt Themen und Nachrichten, bei denen bewegt man sich als Leser und Kommentator auf sehr dünnem Eis, was die eigene Meinung betrifft. Es gibt Themen, da strapaziert so eine geballte Masse von „Gutmenschen“ (was leider oft als Denunzierung gemeint ist) wahnsinnig meine Nerven, dann gibt es aber Themen, da kann man eigentlich nicht gutmenschlich genug sein. Prinzipiell ist es erstmal eine erstrebenswerte Sache ein guter Mensch zu sein. Scheint ja auch leider eine austerbende Art zu sein. Und es gibt Nachrichten, Themen und Lebensbereiche in denen political correctness in höchstem Maße wichtig und angebracht ist. Deswegen finde ich es oft auch nicht richtig jemanden als „Gutmenschen“ zu bezeichnen, in der Absicht ihn damit zu denunzieren. Aber es gibt auch Bereiche, da gehen die Kommentatoren mit solch einer Vorsicht zu Werke, bloß nichts Falsches zu sagen, auf Biegen und Brechen ihr großes Herz und ihre Philantrophie zu beweisen, dass eine schlüssige und ernsthafte Auseinandersetzung mit, und Diskussion zu einem Thema überhaupt nicht mehr möglich ist. Und genau dann fängt es wahnsinnig an zu nerven.

Bonus: Die, die Godwin’s Law beweisen! Spätestens dann packt mich das kalte Grausen. Egal in welcher Absicht es eingebracht wird. Egal ob es die ausländischen Mitbürger sind, die es anwenden um uns vor Augen zu führen, dass wir eh alle Nazis sind, die sie ausgrenzen, oder ob es als ernsthafter Vergleich angebracht wird, um Missstände aufzudecken. Ich bin des Themas überdrüssig.

Fakt ist, man kann Menschen nicht per se in eine dieser Kategorien einsortieren, nur jeweils ihre einzelnen Kommentare. In wie weit die Menschen auch im normalen Leben das sind, was sie durch ihre Kommentare zu sein scheinen, lässt sich nur vermuten. Wer kommentiert rutscht automatisch in eine dieser Kategorien, und je nach Thema kann das heute mal die eine und morgen mal die andere sein. Lese ich mir aber die Kommentarspalten durch, kochen nicht selten meine Emotionen hoch. Jedem zweiten würde ich am liebsten direkt antworten, was gar nicht möglich ist. Ich ärgere mich, nicke bestätigend mit dem Kopf oder winke einfach nur kopfschüttelnd ab. Natürlich gibt es Kommentare, die meine eigenen Gedanken in eine andere Richtung lenken und mir eine völlig neue Sichtweise auf die Sachlage eröffnen, aber ich mache mich selber nicht mehr verrückt. Ich habe zu 1000 Dingen eine eigene Meinung und könnte diese auch vertreten, aber mich machen die Machtkämpfe die beim Kommentieren oft entstehen einfach zu müde. Das ewige Gerangel um die beste und einzig richtige Meinung! Ich lese interessiert mit und schließe den Browser spätestens, wenn mein Puls auf 180 beschleunigt hat, um mich dann mühsam wieder abzuregen. Und ich verunsichere mich nicht mehr mit der Frage danach, was ich peinlicherweise alles noch nicht weiß, oder ob ich einfach nur zu dumm bin. Ich bin mir meiner Bildungslücken bewusst und versuche täglich weitere zu schließen, aber ich werde niemals alles wissen. Und so klug, wie manch einer daherkommt, will ich vielleicht auch letztenendes gar nicht werden. Viele Kommentatoren sehen sich selber als Hobbyjournalisten oder verfolgen zumindest journalisten Ansätze, oder betreiben Blogs in denen sie das tun. Auf mich selber trifft das nicht zu. Ich bediene mich einfach nur der Informationen, die andere für mich sammeln, weil ich darauf angewiesen bin. Wäre ich es nicht, bräuchte ich keine Zeitung und keine Journalisten mehr, denn ich hätte ja alles selber recherchiert und wüsste bestens über alles Bescheid. Doch dazu habe ich weder die Mittel, noch die Zeit, noch die Fähigkeiten. Kein Grund also, mich selber zu diskriminieren.

Wenn Ihr das nächste Mal auf der Suche nach Informationen durchs Netz tingelt, lest Euch die Kommentare durch, bildet Euch eine Meinung zu den Kommentaren, aber vor allem eine eigene Meinung zum Thema. Bedient Euch diverser Medien und Zeitungen für einen gewissen Rundumblick. Lasst andere Meinungen unbedingt zu, aber setzt Euch nicht ständig dem Druck aus, Euch zu fragen, ob ihr selber vielleicht völlig auf dem Holzweg seid, nur weil jemand mit Aggressivität und Wortgewalt gegen Eure Meinung argumentiert. Und erwartet vor allem nicht, dass ihr mit Hilfe fremder Kommentare der Weisheit letzter Schluss entdeckt.

Was meine Meinung bestätigte und mich zu diesem Beitrag eigentlich erst bewegt hat (und vor allem einen schönen Querschnitt durch nahezu alle Kategorien bildet), war übrigens dieser Blog und die dazugehörige Diskussion.

Besonders hervorzuheben ist das Wortgefecht zwischen dem Autor des Blogs und „schonzeit“. Großes Kino möchte ich fast sagen und behalte an dieser Stelle mal für mich, auf wessen Seite ich dabei stehe. 😉

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Eine Antwort »

  1. Sehr, sehr wahre Worte.
    Ich bin täglich in einem sehr großen Forum unterwegs und dort findet man auch, in jedem Thema, alle von dir aufgeführten Kommenta(to)rformen. Und es langweilt mich bei vielen dieser Kommentare, wenn man schon vorraussagen kann, dass die Diskussion einen langsamen Tod sterben wird. Denn meist laufen die Diskussionen (teilweise) stark aus dem Ruder, so dass ernsthafte Kommentatoren, die sich wirklich Gedanken zu der Sache gemacht haben und ihre Meinung vernünftig vertreten wollen/Hilfestellung geben wollen, gar keine Lust mehr haben sich zu äußern. Und das ist sehr, sehr schade.
    Ich hatte selber erst vor kurzem eine Diskussion im Internet, wo ich zu einem Thema, zu dem ich nunmal sehr viel weiß, meinen Senf abgegeben habe und mit meinem Beitrag eigentlich nur zusätzlich informieren wollte. Keine fünf Minuten später wurde ich von jemandem, der sich sein Halbwissen durch ein paar Klicks auf Wikipedia rangeschafft hat, von der Seite angefahren, dass das von mir gesagte nicht richtig sei. Nachdem ich darauf nochmal mit Quellen und genaueren Ausführungen geantwortet hatte und wieder eine volle Breitseite bekam dachte ich mir auch: Dann eben nicht.

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