Stell Dir vor es ist Frieden, aber niemand macht mit…

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Da ich immer gerne informiert bin, studiere ich mehrfach am Tag die Schlagzeilen der Onlinemedien. Unter anderem folgende Artikel stolperten dabei in den letzten Tagen in meine Wahrnehmung:

  • Mann tötet Frau und Kinder, bevor er sich das Leben nimmt
  • Berühmte Berliner Jugendrichterin nimmt sich das Leben
  • Polizistin erhängt ihre Kinder und sich selbst
  • Mann sticht zehn Mal auf seine Freundin ein, setzt sich dann ohne Helm auf sein Krad und fährt in verkehrter Richtung auf die A3. Er rammt frontal einen Lkw, wird dabei geköpft, sein Körper in den angrenzenden Wald geschleudert.
  • Polizist verursacht tötlichen Frontalunfall. Er und die entgegenkommende Fahrerin sind sofort tot. In seinem Kofferraum findet die Polizei die Leiche seiner Ehefrau.
  • Mann richtet zwei Italiener per Kopfschuss in einer Kneipe hin, nachdem man sich über die Fußballweltmeisterschaft gestritten hatte.
  • Weiterer Kindesmissbrauch innerhalb der katholischen Kirche aufgedeckt.
  • Jugendliche schlagen älteren Herrn krankenhausreif
  • Mord / Vergewaltigung / Ehedramen / Totschlag / Brennende Autos / Mobbing / Suizid / Krise / Drama / Machtkampf / Gewalt….

Nachdem ich heute mal wieder einige solcher Artikel gelesen hatte, rutschte mir der lapidare Ausdruck „Die Menschen sind doch alle bekloppt!“ über die Lippen. Doch dann begann ich darüber nachzudenken und stellte schnell fest, dass das natürlich weder die Ursache, noch die Begründung für all die Dramatik ist. Aber wie zerstört, wie verletzt und wie sehr aus den Angel gehoben, müssen ein Herz, eine Seele und vor allem ein Geist sein, um solcher Taten fähig zu werden? Sind Menschen schon immer, zu allen Zeiten, so massiv psychisch verrutscht, oder ist es ein Phänomen der Neuzeit? Inwiefern ist das ein modernes gesellschaftliches Problem?

Um es auf den Punkt zu bringen: Unsere Gesellschaft ist am Arsch! Man muss sich nur mal in seinem direkten Umfeld umschauen. Am besten dann, wenn nicht gerade alle im WM-Freudentaumel versunken sind. Wie gehen wir Menschen heutzutage miteinander um? Auch wir, die wir uns für gute, wenn nicht gar bessere Menschen halten? Wir lächeln einander nicht mehr zu. Wir grüßen einander nur, wenn wir uns besonders gut kennen. Es gibt kein offenes Ohr, kein wachsames Auge, keine helfende Hand. Wir haben das Gespür für Sorgen, Nöte und Bedürfnisse unserer Mitmenschen verloren. Wir rempeln uns im Supermarkt an und entschuldigen uns nicht.
Wir sind im Dauerstress. Auf der Autobahn ereilen uns regelmäßig halbe Herzattacken, weil wieder jemand hinter uns fährt, der uns massiv drängelt und nötigt, weil es ihm nur um sich geht, und ihm die Angst des Vordermannes scheißegal ist. Eine Stunde später ärgern wir uns an der Supermarktkasse über die Oma, die drei Minuten lang ihr Kleingeld zählt. Wenn es um das spärlich angebotene günstigste Teil im Media-Markt geht, schrecken wir nicht davor zurück, auch mal Schwächere zu schubsen. Durch die Liebe und Zuneigung eines Mitmenschen, fühlen wir uns schon lang nicht mehr geschmeichelt, wenn er nicht perfekt ist. Perfekt schön. Perfekt reich. Perfekt klug. Perfekt talentiert. Perfekt gebaut.
Wir legen uns wegen Nichtigkeiten mit den Nachbarn an. -Du musst den Vorgarten harken. – Nein, Du musst!, statt es selber zu tun, wenn wir meinen, es müsste geharkt werden. Denen, die am Boden liegen, helfen wir nicht auf, wir benutzen ihre Schultern als Trittleitern für unser eigenes Emporkommen. Wir sind zu Egoisten mit Ellbogenmentalität geworden! Wer stärker ist, will auch stärker bleiben. Bloß nicht die Kraft an den Schwachen verschwenden. Wer reich ist, will reich bleiben. Teilen wäre da kontraproduktiv. Es herrscht Krieg!

Und welchen Anteil daran tragen die Medien, das Fernsehen? Zeigen sie ein Abbild unserer Gesellschaft, oder sind wir zum Abbild unseres Fernsehprogramms geworden? Uns wird vorgegaukelt jeder Hartz4-Empfänger wäre faul und asozial. Wir glauben das! Wer nichts wird, wird Scripted-Reality-Star. Die Ausländer nehmen uns angeblich unsere Jobs weg. Wenn Du in der Schule schlecht warst, reicht die Bereitschaft sich von RTL einen Schlampenlebenslauf aufdrücken zu lassen und schon bist Du Superstar!
Du musst schön, perfekt und spindeldürr sein. Wer nicht schön sein will, muss leiden! Ich frage mich, ob all die Frauen, die ich kürzlich bei „Exclusiv – Die Reportage“ sah, auch ohne die Beeinflussung der Medien eines Morgens im Bett hochgeschreckt wären, verfolgt und beherrscht von dem Gedanken, die eigene Muschi ist zu hässlich für diese Welt. An welchem Tag wurde Schamlippenliftig wichtiger als Umgangsformen? Oder liegt es daran, dass uns die Moral in die Hose gerutscht ist?
Erniedrigungs-TV und Peinlichkeitswettbewerbe sind die Quotenrenner unseres alltäglichen Flimmerkistenkonsums. Wir zeigen mit den Fingern auf fremde Leute und lachen laut! Wir schämen uns lieber fremd, als unbedarfte Menschen vor sich selbst zu schützen. Und die dümmsten Bauern kriegen die dickste Narumol.

Auch Zeitung lesen ist nicht besser, wenn wir nicht endlich anfangen zu reflektieren. Aber der Mensch ist nicht glücklich, wenn niemand eine Sau durchs Dorf hetzt. Wer in Zeiten des Sommerlochs auch dem sechsten gesichteten Krokodil in Ruhr und Wupper noch Glauben schenken will, der muss sich zum Glück nur selbst an die Stirn fassen. Aber wenn in der Bild-Zeitung großformatige Fotos von Menschen gezeigt werden, die fett mit den Worten „Kinderficker“ übertitelt sind, die sich dann später als absolut unschuldig erweisen, dann werden Existenzen zerstört. Drei Wochen später kann Bild dann vom nächsten Geisterfahrer berichten und das gleiche Foto noch einmal verwenden.
Wenn irgendwo Menschen zu Opfern von Missbrauch und Vergewaltigung werden, gibt es keine Scheu mehr Namen und Fotos der Betroffenen zu veröffentlichen. Wozu brauchen wir Opferschutz, wenn wir Mitleid heucheln können? Ob das Familien zerstören, oder gar die Seelen der Opfer noch weiter zertrümmern könnte, ist für unseren weiteren Lebensweg ja nicht mehr wichtig.

Es herrscht Krieg! Überall! Die, die hilfesuchend und verzweifelt nach oben blicken, finden keine Führung, keinen Wegweiser mehr. Politikverdrossenheit ist ein fast zu mildes Wort. Die Politiker sind korrupt, machtversessen, geldgeil und undemokratisch. Keinem geht es mehr um das Volk! „Die da oben denken nur noch an sich!“ Bürokratie, hohe Steuern, Ungerechtigkeit und Ausbeutung wohin das Auge blickt. Die Armen werden ärmer, die Reichen werden reicher. Der kleine Mann, begeht Suizid!
Wer früher angefangen hätte zu beten, tritt heute aus der Kirche aus, weil die Vertrauensmänner, Seelsorger und Gottesbrüder jetzt unsere Kinder betatschen.

Wir haben Moral, Ethik, Umgangsformen, Werte und gegenseitigen Respekt mit Füßen getreten. Führung und Leitung scheint es nicht mehr zu geben. Jeder kämpft für sich! Jeder kämpft allein! Wir sind die Rinder, besessen vom Wahn! Es herrscht Krieg!

Ob ich mich wohl noch einmal wundern werde, wenn ich morgen wieder die Zeitung aufschlage, oder GoogleNews lese? Oder wird mich einfach nur das ungute Gefühle beschleichen, in den Spiegel unserer Gesellschaft zu schauen?  Schäme ich mich, oder habe ich Angst ein Teil von ihr zu sein?
Die Menschen der oben wiedergegebenen Schlagzeilen, hatten sicher mehr zu erleiden, als nur die kalte Faust der Gesellschaft. Sicher gab es noch mehr Faktoren. Noch schlimmere Umstände. Schwerwiegende psychische Erkrankungen. Vielleicht! Vielleicht, aber auch nicht! Vielleicht begann ihr persönliches Leid auch einfach an einem Tag, an dem sie auf der Autobahn bedrängt wurden. Oder geächtet, weil sie nicht schön genug waren. Oder an dem Tag, an dem sie ihren Job verloren. Und vielleicht griffen sie zum Messer, als ihre hilfesuchenden Hände zum x-ten Mal ins Leere griffen!

Wir leben nicht im Irak, nicht in Afghanistan, nicht im Kosovo, nicht in Israel, nicht in Korea.
Wir leben in Deutschland!
Es herrscht Frieden, aber niemand macht mit…

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  1. Hach …

    das Allermeiste unterschreibe ich Dir. Es ist nur … wenn ich derartige Beiträge lese, entsteht bei mir so eine Art bedingter Reflex. Ein Reflex wäre, dich mal liebevoll in den Arm zu nehmen, was aber aufgrund diverser Gegebenheiten schwer möglich ist.
    Stattdessen erwähne ich mal ein paar Dinge, die Dir sicher alle bekannt und/oder klar sind, die aber m.E. dennoch hier Platz finden könnten:

    Ich wurde in der letzten Woche gleich zweimal an der Kasse vorgelassen, da ich nur wenige Dinge zu kaufen hatte, ohne dass ich darum gebeten hatte

    Ich bekam eine kurze, aber sehr glücklich machende Mail zu einem Zeitpunkt, an dem sie sehr nötig war.

    Ich beobachtete mehrfach wie sich ein Elternpaar besonders liebevoll um sein kleines Würmchen kümmerte.

    Verschiedene Blogbeiträge und Twittereien haben bei mir heftiges Schmunzeln bis lautes Lachen ausgelöst, z.B. der Tweet „Ob ich einfach behaupte, dass der Hund die Powerpoint-Präsentation gefressen hat?“ (Verfasserin leider nicht mehr im Gedächtnis).

    Ich hatte letztens mitbekommen. wie jemand eine Geldbörse mit mehreren Hundet Euro ins Fundbüro gebracht hat.

    Ich selber bemühe mich zumindest, ab und an sozial zu sein. Ich lasse meist Autofahrer in die Straße einfahren,wenn hinter mir weitere Autos folgen. Beim Einkaufen versuche ich, höflich zu den Kassiererinnen zu sein und gelegentlich ein Lächeln dazulassen oder eine meher oder wenige witzige Bemerkung zu machen, wenn es die Situation zulässt. Ich spende hin und wieder an diverse Organisationen, stelle ausgelesene Bücher in eine freie Ausleie. So Zeugs halt. Alles total unspektakuär und eigentlich nicht der Erwähnung wert. Manchmal sind es aber solche kleinen Dinge, die Anderen den Tag nicht komplett durch den Gully rutschen lassen.

    Vielleicht sind es auch solche kleinen Gesten, die viele davon abhalten, komplett auszurasten. Die, bei denen es nicht funktioniert, stehen dann in der Zeitung.

    Klar, die Schlagzeile „Netter Mann trägt Omi die Einkäufe nach Hause“ wirst Du nirgends finden, „Axtmörder tötet Rentnerin und raubt ihre Einkäufe“ schon viel eher. Davon leben Medien.

    Kein Zweifel, wir leben in einer von Ellenbogenmentalität geprägten Zeit, in der sich viele nur noch über Konkurrenz, Kampf und Überlebenskunst definieren und wenn sich das nicht bald ändert, werden noch schwerere Zeiten auf uns zukommen. Aber man findet glücklicherweise auch immer noch das Andere, wenn man es ein wenig sucht.

    Es gibt z.B. auch Politiker, die wirklich etwas für die Menschen bewegen wollen, die noch idealistisch geprägt sind. Leider stehen die meist nicht in vorderster Front, weil dort diejenigen stehen, die ihre Energie hauptsächlich in Netzwerkbildung, Intrige, faule Abkommen und dergleichen stecken.

    Das ist etwas was wir tun können, das Schlimme benennen, aber auch das Gute nicht übersehen und selber zumindest immer wieder mal an Andere denken.

    Das wollte ich nur einmal erwähnen …

  2. Ach, mein lieber LoFoMo,
    im Gegenzug unterschreibe ich auch alles, was Du geschrieben hast. Es gibt natürlich diese netten Alltagsgesten und Freundlichkeiten zwischendurch. Gott sei Dank! Auch ich gebe mein Bestes höflich zu alten Menschen zu sein, so oft es nur geht mein Lächeln zu verschenken, Rücksicht auf andere zu nehmen, usw. Auch ich entdecke hier und da die kleinen Glücksinseln im Alltag. Da sie mir so unglaublich wichtig erscheinen, widme ich ihnen auch mein besonders wachsames Auge. Gerade die von Dir erwähnten „Kleinigkeiten“, die ich für überaus wichtig und überhaupt nicht unspektakulär halte, sind es wohl, die uns alle nicht völlig verzweifeln lassen. Das Gute ist ja da. Irgendwo, aber es existiert noch.

    Mir ging es aber darum eine Tendenz aufzuzeigen, die ich besorgniserregend finde. Ich möchte ja nicht sagen, dass Hopfen und Malz verloren ist, aber man bekommt oft diesen Eindruck. Die Welt hat sich im Großen und Ganzen eher zum Schlechten verändert und ich befürchte, dass es noch weiter gehen wird. Die Glücksinseln schrumpfen, werden weniger, oder werden von den falschen Mentalitäten okkupiert.

    Mir ist auch klar, dass vieles von den Medien und auch vom Staat überdramatisiert wird, weil Menschen die Angst haben, wesentlich leichter zu beeinflussen, zu manipulieren und zu lenken sind. Doch selbst, wenn 70% der Damatik reine Erfindung (oder sagen wir, zu hoch gewichtet) wären, so schlagen sich ihre Auswirkungen doch im Volk nieder und verändern die Menschen.

    Auf der anderen Seite ist das oben beschriebene nur ein Bruchteil dessen, was wir auf diesem Planeten verbrechen. Ich hätte noch viel weiter gehen und noch viel mehr ausgraben können, aber ich wollte den Fokus auf unseren Umgang miteinander legen. Über das, was wir mit der Welt an sich anstellen, könnte ich weitere zehn Seiten füllen. Was mich angeht, so muss ich sagen, dass ich viel Liebe für den Menschen als Individuum empfinde (mit seinen Fähigkeiten, seiner Kreativität, seiner Menschlichkeit, seiner Fähigkeit zu lieben, zu empfinden), aber an der Menschheit im Ganzen, kann ich einfach nicht viel Positives finden.
    Ich möchte hier aber nicht noch weitere Fässer öffenen. Mir ging all das gestern einfach durch den Kopf und ich musste es mir dringend von der Seele schreiben!

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