Tag 7: Ein Buch, das mich an jemanden erinnert

Standard

Dolly
Enid Blyton (& diverse Ghostwriterinnen)
1946-1951 (und später)

Maika war in der Grundschule meine allerbeste Freundin. Wir haben alles miteinander gemacht: Lachen, singen, Rad fahren, im Wald rumstreunern, Barbie spielen. Maika war die Mittlere von 3 Schwestern und ich habe sie oft um ihr tolles familiäres Gefüge beneidet. Sie war sehr schlau, konnte wunderschön malen und lernte Geige zu spielen. Wer uns von außen beobachtete, musste zwangsläufig der Meinung sein, dass sie das brave, gut erzogene Mädchen und ich der freche Wildfang war. Nicht nur unsere Lehrer haben sich das ein oder andere Mal gefragt, was uns bloß verbindet. Aber wir waren unzertrennlich und Maika wurde unterschätzt. Sie hatte es nicht weniger faustdick hinter den Ohren als ich. Sie kaschierte es nur besser.

Wir wurden auseinandergerissen, als sie aufs Gymnasium wechselte und ich auf die Realschule. Wie das immer so ist, schläft der Kontakt irgendwann ein. Trotzdem denke ich an jedem 13. Oktober an sie, ihrem Geburtstag. Dank StudiVZ haben wir uns vor drei Jahren wiedergefunden und vor zwei Jahren haben wir uns getroffen, was erst gar nicht so leicht zu bewerkstelligen war, weil sie in einer weit-wecken Stadt studiert(e). Aber unser Wiedersehen war großartig. Wir haben viel gelacht und schwelgten in den schönsten Kindheitserinnerungen. Mir wurde wieder klar, warum ich sie als Kind so geliebt hatte. Wir nahmen uns vor, uns nicht wieder so schnell aus den Augen zu verlieren, aber dennoch ist dieses Treffen jetzt zwei Jahre her und wir haben uns quasi wieder verloren. In diesem Moment wird mir klar, wie erbarmungslos die Zeit davon rennt, und dass ich sie auf dem schnellsten Wege kontaktieren sollte. Sie ist so wunderbar!

Nun zum Buch. Maika und ich haben immer viel gelesen, meist auch die gleichen Bücher. Sie war es, die mich mit ihrer Liebe für Enid Blyton ansteckte. „Hanni und Nanni“ waren bei mir nie so der Renner, aber „Fünf Freunde“, „Geheimnis um…“, „Lissy“, Die „Abenteuer“-Serie, und vor allem „Dolly“. Ich habe „Dolly“ verschlungen. Ich las die wirklich dicken Sammelbände, bestehend aus je drei Bänden, jeweils innerhalb von 3-4 Tagen, was ich rückblickend für eine Grundschülerin sehr beachtlich finde. Ich liebte die Bücher und ihre Protagonistin Dolly so sehr, dass ich sie selbst in der 7. Klasse noch las.
Für alle, denen „Dolly“ kein Begriff ist: Die Geschichten erzählen von Dollys Leben in dem Internat „Burg Möwenfels“. Beginnend bei ihrer Einschulung und endend mit ihrer Hochzeit, erzählen die Bücher eine halbe Lebensgeschichte. Von Kindertagen und Flausen im Kopf ausgehend, liest man sich weiter durch ihre Pubertätswirrungen, Intrigen, erste Lieben und sehr starke Freundschaften, über ihren Eintritt ins Berufsleben, ihrer Hochzeit, und den ersten Kindern, bis sie letztendlich selbst Direktorin von Burg Möwenfels wird. Parallel dazu verfolgt man die Entwicklung Dollys kleiner Schwester, ebenfalls bis zum Erwachsenenalter.
Natürlich sind die „Dolly“-Bücher nicht nur bedingungslos toll, sondern für heutige Verhältnisse auch arg kritikwürdig. Enid Blyton schuf sehr viele Stereotype, auf die sie auch in ihren anderen Büchern immer wieder zurückgriff. Amerikanerinnen sind z.B. immer oberflächlich und auf ihr Aussehen bedacht, Französinnen hitzig und temperamentvoll, Blondinen sind immer unsportlich. Auch werden in ihren Büchern oft die Schwächeren und die, die nicht mithalten können, ausgegrenzt, ausgelacht und ernten Spott und Häme. Enid Blyton kritisiert ein solches Verhalten auch nicht. Wir würden das heute Mobbing nennen, aber die Bücher entstanden zwischen den Jahren 1946 und 1951, in denen Mobbing nicht unbedingt ein gesellschaftliches Problem darstellte. Eher ein kleiner Kritikpunkt ist, dass die deutsche Übersetzung, was die Eindeutschung sämtlicher Namen und Ortsbezeichnungen einschließt, aus meiner erwachsenen Sicht, eher gruselig ist.
Ab Band 7, das kann man auch ziemlich gut erkennen, findet ein Umbruch in den Geschichten statt, denn nach Enid Blytons Tod wurde die Reihe von deutschen Autorinnen (unter dem Namen Enid Blyton) weitergeführt. Und das immerhin bis Band 18!! Der größte Teil der gesamten Reihe ist also von einer deutschen Mentalität beeinflusst. Doch die Atmosphäre, den inneren Geist der Dolly-Geschichten, konnten die Ghostwriterinnen wunderbar erhalten und weiterspinnen. Ich liebte jeden einzelnen Band!

Maika und ich lebten oft in einem Enid-Blyton-Kosmos. In unserer Phantasie gingen wir auch auf ein Internat und wir hatten gemeinsame imaginäre Freundinnen, die ihre Namen aus Enid-Blyton-Büchern hatten. Auch unsere Barbie-Puppen hatten ihre Namen und ihre erlebten Abenteuer oft Enid Blyton zu verdanken. Nur der Geschlechtsverkehr, den sie untereinander hatten, stammte dann doch aus unseren eigenen Hirnen. 😉

Wann immer ich heute eines meiner „Dolly“-Bücher in Händen halte, oder eines in einer Bücherei sehe, muss ich an Maika denken! Meine wunderbarste Grundschulfreundin! (31 Tage – 31 Bücher)

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s