Zurück zum Alltag

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Was für eine Farce.
Ich weiß noch nicht, ob ich traurig, wütend oder enttäuscht sein soll.  Ich weiß nur, es war schlecht, schlecht, schlecht! Es ist ein schwacher Trost, dass am Anfang niemand geglaubt hätte, dass wir überhaupt so weit kommen würden. Immerhin 3 Spiele lang hat Deutschland doch wieder euphorisch ans Finale geglaubt. Da sitzt die jähe Enttäuschung tief. Noch blöder ist es für mich. Ich habe zwar immer kräftig die Daumen gedrückt, aber tief in mir drin, habe ich 5 Spiele lang nicht an die Jungs geglaubt. Ich habe immer mit dem WM-Aus gerechnet. Ehrlich gesagt hätte ich das sogar ziemlich gut verkraften können. Aber dann lieferten Jogis Jungs so tollen Fußball ab, dass ich gestern voll und ganz an den Sieg geglaubt habe. Es war mir auch nicht mehr egal. Ich wollte ihn! Diesen Sieg! Dieses Spiel gegen Holland. Jetzt muss ich, müssen wir alle, uns wohl mit dem vierten Platz abfinden. Glück für den jungen Burschen im Spanien-Trikot, der mir gestern (nach dem Spiel) einsam und allein, aber seine Klingel malträtierend, auf seinem Fahrrad entgegenkam!!

Wirklich traurig ist vor allem, dass jetzt der Alltag zurückkehrt. Jetzt grüßen wir auf der Straße wieder nur die Menschen, die wir kennen. Jedes Lächeln ringen wir uns mühsam ab und vom „in-den-Armen-liegen“ kann schon gar keine Rede mehr sein. Wo ich am Samstag noch mit Fremden feixen konnte, muss ich heute wieder schön die Klappe halten. Gesenkten Hauptes, die deutschflaggenfarbige Kriegsbemalung noch im Gesicht, kam ich gestern Nacht heim. Vor meinem Haus standen zwei Paare mittleren Alters und mittleren Humors mit ihren Fahrrädern, die Flaggen noch am Lenker baumelnd und in ein angeregtes Gespräch vertieft. Als ich sie passierte, rief ich ihnen lächelnd und auf die Fahnen deutend zu: „Na, die müssen Sie jetzt aber Halbmast flaggen!“ Ich erhielt die völlig genervte, fast schon angeekelte Reaktion: „Hä? Wat? Jaja!“ Besonders die Damen fühlten sich durch meinen kurzen Einwurf wohl stark in ihrer öffentlich gelebten Privatsphäre gestört. Das bekam ich aber nur noch hinter meinem Rücken mit, als man sich mit gesenkter Stimme, aber hoch erhobener Nase die Frage stellte: „Was wollte diiiee denn?“, „Was sollte denn das?“ Endstand im Spiel „Jeder-für-sich“ vs. „Alle-für-einen“: 1:0

Das sind die kleinen Auswirkungen, die aber bald nicht mehr auffallen werden, weil wir ja grundsätzlich an diese Zustände gewöhnt sind. Mehr Sorgen macht mir die Vorstellung, dass ca. 40% der Leute, die gestern noch laut „Ööööözil“, „Boaaaaateng“, Cacaaaaauuuuuuu“ und „Poldiiiiiiiiiii“ gerufen haben, morgen wieder den Satz „Scheiß Ausländer“ in ihren Wortschatz integrieren, alle Polen für Autodiebe halten, alle Türken für Knoblauchfresser und überhaupt alle Nichtdeutschen für Sozialschmarotzer. Ginge es nach mir, ich würde mir wünschen, dass die Euphorie noch ein paar Tage anhielte und die Rückkehr zu solchen Stammtischparolen sich noch ganz viel Zeit ließe.

Was das reine Fußballturnier angeht, habe ich schon einen kleinen Rettungsplan erstellt. Zumindest für uns Frauen. Wir sollten uns im nächsten Jahr alle zusammen tun, unsere Autos mit Fahnen schmücken, gröhlen, singen, tanzen, feiern, uns fürchterlich lieb haben, euphorisch sein und uns irgendwo public treffen und gemeinsam viewen… wie die Frauen wieder einmal Fußballweltmeisterinnen werden! Da gäbe es nämlich endlich mal einen Grund zu feiern! Bei unseren Mädels wird die Euphorie immerhin am Ende belohnt! So soll es sein.

In Bezug auf gestern sind meine Tränchen langsam getrocknet, denn als ich heute Morgen erwachte, fiel mir plötzlich wieder ein: „Hey, ich bin ja gar kein Fußballfan!“ Puh…. nochmal Glück gehabt!

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  1. Da ich sowas wie der „Ebenezer Scrooge der Fußball-WM“ bin und vor nervlicher Überlastung sogar kürzlich, als jemand direkt neben mir tröten musste, schon zum Trötentöter wurde (Der Einzige mit der Lizenz zum Tröten ist und bleibt für mich Benjamin Blümchen!), bin ich natürlich seeeeehr froh, dass mit der Niederlage (auf die ich seit einigen Spielen gehofft hatte) nun endlich das penetrante und extrem nervige Gegröhle, Geschreie und Gejuble der Fußball-Zombies auf den Strassen vorbei ist. *aufatme* Wenn man hier in Berlin relativ nah an der Fanmeile wohnt, ist es noch mal schlimmer als anderswo, glaube ich. Kurz gesagt: ICK FREEEEEU MIIIIR!!!! 🙂 Gegen „Back to the Alltag“ hab‘ ich eigentlich nichts einzuwenden, muss ich sagen. Meine Nerven entspannen sich wieder und ich muss mich nicht mehr sooo sehr in der Wohnung verkriechen.
    Sehr lächerlich fand ich übrigens, dass man kürzlich nun einen süßen kleinen Kraken zum Orakel ernannt hat (wie genau man auf diese blöde Idee kam, hab‘ ich nicht mitbekommen) und man diesen – wenn natürlich auch nur im Spaß – nun durch sein „Voraussagungen“ verantwortlich macht. Leute, ich oute mich hier mal als totaler Kraken-Freund (als Kind hatte ich diese äußerst interessanten und wahnsinnig intelligenten Tiere tatsächlich zu meinen Lieblingstieren ernannt, habe alles an Büchern und Infos darüber gesammelt und bin auch heute noch deren Faszination erlegen), und als solcher finde ich das ganz und gar nicht toll! *räusper* Krake Paul kann NIX dafür, dass die Depperls verloren haben!
    Das EINZIGE, das mich im Laufe der WM im Zusammenhang mit eben dieser kurzzeitig bespaßt hat, war dieser kurze nette Schlaand-Tanz, den Kollegin Luisa Wietzorek mit sich selbst als ihre eigene Zwillingsschwester aufs „Parkett“ legte: http://www.youtube.com/watch?v=9fWk93iI16s
    So, genug Anti-WM-Kram abgelassen… 😉 Sonst mach‘ ich mir noch Vaninchen zum Feind, und des wär‘ fei blööööd…
    Also, ick drüüüüüück Dir!!!!! 🙂

    Süße Grüße,
    Ebenezer Scrooge

    • Also, ich finde Kraken seit diesem Musikvideo ekelig, so klug sie auch sein mögen, aber ich denke auch das Paul nix dafür kann. Ich wohne drei Meter von ihm entfernt, und hatte bisher noch keine Mordgelüste auf das Tier, sonst wär er heute schon längst Gulasch!

      Aber mein gutester Tinolino, seit wann bist Du denn so eine Spaßbremse? Hättest Du Dich mal mit ins freudige Getümmel gestürzt, Du hättest es vielleicht genossen, statt Dich belästigt zu fühlen. Wer mitfeiert fühlt sich selten belästigt, tut nebenbei noch etwas für sein soziales Leben und wird akut von Lebensfreude angesteckt.

  2. Nochmal kurz zur Erinnerung:
    WIR KÖNNEN IMMER NOCH DRITTER WERDEN!!! Und das werde ich am Sonntag auf der Fanmeile in Berlin auch einfach erhoffen. Wenn ich schon dahin fahre, wünsche ich mir von unseren Jungs wieder so tollen Fußball wie gegen England und Argentinien. Und uns allen noch einen letzten Tag voller Nächstenliebe und Freude.

  3. Naja, immerhin sind wir ins Halbfinale gekommen und haben somit die Chance so viele Spiele wie möglich mit unseren Jungs zu sehen. Auch wenn ich lieber Sonntag als Samstag Fußball geguckt hätte… Uruguay… Da können wir sicher nochmal richtig zeigen, wie gut wir sind (/ironie)
    Aber wie gesagt, selbst wenn wir ins Finale gekommen wären, mehr Spiele unserer Jungs hätten wir auch nicht gesehen.

    Und zu gestern speziell… ganz ehrlich… Wer schlecht spielt, verliert zurecht.
    Keine Ahnung, ob die Jungs Angst vor dem eigenen Können hatten, aber was sie sich gestern zusammengespielt haben war großer Bockmist.
    Und nach der „Leistung“ gegen Paraguay war ich auch sowas von sicher, dass wir die Spanier in die Tasche stecken. Aber mit angezogener Handbremse und Gewichten an den Beinen klappt sowas leider nicht.

  4. @Markus: Ich glaube, im Gegensatz zu Uruguay, sind unsere Jungs jetzt so demotiviert, dass die nicht einmal mehr Dritter werden. Mir kann’s egal sein, ich kann am Samstag eh kein Fußball gucken!

    @Nina: Ich unterschreibe Deinen gesamten letzten Absatz!!

    @Alle: Und wer zelebriert jetzt mit mir Frauen-WM??? Hä?

  5. @Vaninchen: Das verlinkte Video ist in der Tat fragwürdig (und der arme Krake muss doch ein Schleudertrauma davon getragen haben…), aber der Sing-Song ist tooooooooll… 🙂 Erinnert mich an den Sommer 2001, als ich eine liebe Freundin in Rietberg (NRW) besucht habe und mit ihr im Garten saß.
    Eine Spaßbremse – wenn man das überhaupt so nennen kann – bin ich nur im Bezug auf Fußball. Als Lena beispielsweise gewonnen hat und alle DESHALB so im Freuden-Taumel waren, war das für mich ganz klar eine andere Sache und ich fand’s selbst auch klasse! Auch wenn ich mich eher im Stillen gefreut habe… Aber irgendwelchen Depperls dabei zuzuschauen, wie die einem Ball hinterher rennen, ist für mich einfach… bääääh… Absolut kein Grund, dermaßen auszuflippen! Und den wenigen Nichtfußball-Fans, die es gibt, auf die Nerven zu gehen. Sogar Leute, die sich das ganze restliche Jahr über NICHT IM GERINGSTEN für diesen „Sport“ interessieren, flippen in dieser Zeit völlig aus, weshalb man fast schon an ihrer geistigen Zurechnungsfähigkeit zweifeln muss. Das ist mir irgendwie zu hoch, mein liebes Vaninchen…

    *knutschi*

    • Mich interessiert es den Rest des Jahres auch nicht. Aber WM und EM sind immer eine sehr spannende Angelegenheit und diese „Freude der Massen“ ist einfach schön. Es ist toll ein Teil von ihr zu sein. Aber jedem das Seine! Du darfst gerne weiterhin den Fußball hassen. Es sei Dir gegönnt 😉

      Aber… *ähem*… Du musst jetzt einmal ganz stark sein, Schnucki: Die/der/das Krake in dem Video ist… tot! Und eeeeeeeeeeeeeeeekelig!

  6. T…t…tooot??? *Luft-hol* NEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEIN!!!!!!!!!!!!! WARUM?! WARUUM?! WAAAAARUUUUM?!?! *schluchz* Er hat doch niemandem etwas getaaaaaaaaan!!!! *heul*
    Okay… *Tränen-wegwisch* Unter Wasser sehen Kraken natürlich besser aus als tot an Land. Wenn sie aus dem Wasser gefischt werden, sehen sie manchmal aus wie Rotz, das geb‘ ich zu. In meinem nächsten Leben möchte ich jedenfalls einer sein… 😉

  7. Frauen-WM? Bin dabei… 🙂

    Tja, ich hab mich heute morgen schon geärgert, wieviele Autofahrer ihre Fähnchen weggepackt haben und viele Leute bei FB ihre Profilbilder gewechselt haben. Meins bleibt so bis zum Wochenende.

    Tse, alles Fähnchen im Wind…

  8. Hier! Ich! *fingerschnipps*
    Ich mach mit beim Frauen-WM-zelebrieren!
    Schließlich wohne ich (wenn nichts dazwischen kommt) nächstes Jahr sogar an einem der Spielorte.
    Paaaaarty!

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