Tag 16: Das 9. Buch in meinem Regal von rechts

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Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte
Dr. Oliver Sacks
1985

Oliver Sacks ist einer der bekanntesten Neuropsychologen der Welt. Über das, was er im Laufe seines Berufslebens erforschte, schrieb er diverse Sachbücher. Der wunderbare Film „Zeit des Erwachens“ mit Robin Williams und Robert DeNiro, basiert zum Beispiel auf Sacks Studien und seinem gleichnamigen Buch. Es gibt nur wenige medizinische Sachbücher, die so informativ und gleichzeitig so leicht verständlich, warmherzig und humorvoll geschrieben sind. Dabei sind die Erkrankungen für die betroffenen Patienten im Grunde genommen gar nicht so witzig.

Ich zitiere vom Buchrücken: „Eine winzige Hirnverletzung, ein kleiner Tumult in der zerebralen Chemie – und wir geraten in eine andere Welt.“ Leider kann es ganz schnell gehen, dass aus ganz normalen und gesunden Menschen, von heute auf morgen plötzlich neurologische Phänomene werden.

Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte, war beispielsweise einst ein Musiker, berühmter Sänger und Professor an einer Musikhochschule. Da er immer für einen höchst speziellen Humor bekannt war, fiel es zunächst nicht auf, dass er langsam immer seltsamer wurde. Eines Tages erkannte er die Gesichter seiner Studenten nicht mehr, und identifizierte sie nur noch über ihre Stimmen. Er ließ sich die Augen untersuchen, doch die waren völlig in Ordnung. Der Augenarzt schickte ihn zu Dr. Sacks. Sämtliche neurologische Untersuchungen verliefen ohne Befund, doch als der Musiker nach der Untersuchung seine Schuhe wieder anziehen sollte, zögerte er. Er hielt seinen Fuß für seinen Schuh und seinen Schuh (ein paar Zentimeter entfernt stehend) für seinen Fuß. Auf einem Bild der Sahara glaubte er einen Fluß zu sehen. Dr. Sacks machte weitere Tests. Abstrakte Formen konnte der Musiker noch erkennen, aber dann scheiterte er vollkommen an Gesichtern. Er war nicht mehr in der Lage Mimiken zu deuten und Emotionen zu erkennen.
Es dauerte nicht lange, bis er ein Gesicht überhaupt nicht mehr wahrnehmen konnte. Gesichter waren für ihn abstrakte Gebilde. Er erkannte keine Blumen, Handschuhe und viele andere alltägliche Gegenstände nicht mehr als das, was sie waren. Andere Dinge im Alltag bewältigte er aber weiterhin problemlos, solang er das was er tat, besingen konnte. Er sang vom Duschen, vom Anziehen  usw., aber er verfügte über kein „Körperbild“ mehr.
Zwar erkannte er seine Frau (wie auch seine Studenten) nicht mehr, und verwechselte sie irgendwann mit einem Hut, aber er unterrichtete dennoch Musik bis zu seinem Tode. Ein massiver Tumor hatte sich in seinem Sehzentrum ausgebreitet, dem Teil des Gehirns, der einem sagt, was es ist, was man gerade sieht.

Diese und viele, viele weitere sehr spannende Geschichten, finden sich in diesem Buch. Wozu unsere Körper und unsere Gehirne in der Lage sind, und welch unvorstellbaren Auswirkungen es hat, wenn plötzlich nur ein winzigstes Areal im Hirn den Dienst quittiert, begreift man erst so richtig, wenn man dieses Buch gelesen hat. Zu Anfang hielt ich es für ein „Wunder“ (im negativen Sinne), dass ein Mensch überhaupt derartig neurologisch erkranken kann. Heute halte ich es für ein Wunder, dass der Großteil von uns, so wahnsinnig perfekt funktioniert! (31 Tage – 31 Bücher)

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  1. Wahr gesprochen!
    Es ist u.U. ganz gut,dass wir uns nicht ständig darüber bewusst sind, wie fragil unsere geistige Gesundheit ist. Man merkt doch bereits die Veränderungen, wenn mal mal zuviel getrunken hat (oder auch zu wenig), und das ist nur temporär.

  2. Brummsel, du sprichst mir aus der Seele. Muß das Buch unbedingt noch einmal lesen. Hatte es ganz vergessen. Spannend finde ich auch, dass wir selbst bei geistiger Gesundheit viel für oder gegen uns tun können- je nachdem wir uns und unsere Umwelt bewerten. Unser Gehirn ist schon ziemlich leicht zu beeinflusssen- in beide Richtungen.

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