Hören ist Silber, sehen ist Gold

Standard

Ich habe etwas neues über mich gelernt. Ich H A S S E es, ein Geräusch zu hören und seine Ursache nicht sehen zu können! Wirklich. Das macht mich rasend. Grundsätzlich bin ich ein auditiver Mensch, dem das Visuelle eigentlich nicht so wichtig ist. Ich liebe das „Hören“. Doch dann fiel mir auf, dass gewisse Geräusche unbedingt ein Bild erfordern.

Es fing damit an, dass man es freitags und samstags abends in den Sommermonaten häufig in der Nachbarschaft knallen hörte. Es dauerte eine Zeit lang, bis ich begriff, dass es sich dabei um ein Feuerwerk handelte. Als ich das wusste, war ich von dem Geräusch erst recht genervt, denn ich liebe Feuerwerk, konnte es aber nur hören, nicht sehen. Das Nachbarhaus stand immer im Weg. Noch mehr ärgerte es mich, dass ich keine Erklärung dafür finden konnte, warum jemand im Sommer in meiner Nachbarschaft regelmäßig ein Feuerwerk veranstaltet. Irgendwann meinte meine Mutter mal, dass es vom Restaurant in der Nähe käme und damit Hochzeits- und Geburtstagsfeiern vergrandiosiert würden. Gut und schön, da ich es aber noch immer nicht sehen kann, nervt es auch noch immer. Ich werde dabei umtriebig, will dabei sein, will was sehen.

Eine weitere Sache ist die, dass nachts gelegentlich Leute über unsere Straße laufen, die sich, trotz unchristlicher Uhrzeiten, unbedingt lautstark unterhalten bzw. rumgrölen müssen.  Kann ich auch nicht ab! Nicht, weil ich mich belästigt fühlen würde, oder es mich vom Schlafen abhalten könnte. Meinetwegen kann morgens um drei eine Polkakapelle über die Straße schwadronieren. Wenn ich schlafe, schlafe ich. Aber ich hasse es wach zu sein, die Leute auf der Straße zu hören, sie aber nirgends sehen zu können. Entweder macht es mir Angst, dass sie durchdrehen und mein Auto ramponieren könnten (alles schon vorgekommen), oder ich ärgere mich, weil sie, aus welchen Gründen auch immer, die Nacht genießen können, während ich zum Einschlafen gezwungen werde, weil ich arbeiten muss. Könnte ich sie wenigstens sehen, wüsste ich, dass das nicht die Leute sind, deren Gesellschaft ich gern hätte. Aber so… Grmpf!

Heute Nacht aber wurde ich endgültig davon überzeugt, dass es nichts Schlimmeres für mich gibt, als einen Geräuscheverursacher nicht sehen zu können. Ich wohne jetzt seit 8 Jahren direkt am Wald. Wunderschön! Seit 8 Jahren hoffe ich, dass ich irgendwann mal eine Eule oder einen Uhu in diesem Wald zu sehen oder hören bekomme. Ständig behauptet jemand, dass es sie dort gäbe, aber an Beweisen hat es bisher gemangelt. Heute Nacht liege ich im Bett und lese mein Buch, als ich plötzlich zum ersten Mal, aber laut und ganz deutlich, ein langgezogenes „Huhuuuu“ vernehmen kann. Ungefähr zehn Minuten lang, mal ganz nah, dann wieder weiter weg. 8 Jahre lang nichts als Amseln und Drosseln, und dann plötzlich dieses laute Geheul! Wunderschön war das! Ich hätte vor Freude einen Luftsprung machen können, hätte ich das Tier nur sehen können. Verdammt! Ich will was seeeeeeeeehen! Außerdem bin ich immer noch nicht sicher, ob es jetzt eine Eule oder ein Uhu war. Klang ja eher nach Uhu, aber die ziehen das letzte U nie so lange, sondern sind eher kurz und abgehackt, oder? Wer mir helfen kann, möge sich melden!

(Ähnlich ging es mir in diesem Jahr schon etliche Male im Garten meines Chefs. Jeden Vormittag singt hier die Nachtigall die schönsten Lieder aller Zeiten, aber gesehen hab ich sie natürlich noch nie! Wie können diese Vögel es wagen, alle Welt mit ihrem Getriller auf sich aufmerksam zu machen und gleichzeitig im Busch zu hocken, um uns insgeheim die Zunge rauszustrecken?)

Irgendwann gab dann auch meine Uhukauzeule Ruhe. Endlich. Denn damit verschwand dann auch der unerfüllbare Drang sie sehen zu wollen.
Erleichtert wollte ich mich wieder meinem Buch zuwenden, da fing ein anderer Vogel an. „Joooook. Joooook. Jooooook.“ Och nööööö. Ich überlegte kurz, ob das jetzt vielleicht die Ankündigung der Apokalypse sein könnte. Erst der Eulenuhu, dann das! „Jooook!“ Ganz hoch, ganz schrill, ganz laut. So wie eine knarzende Tür oder der Beginn eines Babyschreies. Im Abstand von drei Sekunden und das fast eine viertel Stunde lang. Da ich zu keiner anderen Lösung gelangen konnte, habe ich beschlossen, dass es wohl ein AV gewesen sein muss. Ein Arschlochvogel.

Ich hab es dann auch irgendwann nicht mehr ausgehalten. Fenster zu, Drei-Fragezeichen-Kassette an und damit den Vogel übertönen.
Zu der wunderschönen Stimme von Andreas Fröhlich wollte ich glücklich beseelt einschlafen. Bis mir einfiel, wie scheiße ich das finde, dass ich Andreas immer nur hören, aber nie sehen kann…

Advertisements

»

  1. Ist es ok, wenn ich erstmal nur eines muss: Kichern!?

    Arschlochvogel. Großartig.

    Und manchmal ist es doch besser, etwas nur in seiner Phantasie zu haben, denn auch wirklich zu sehen. Obwohl ich verstehe, wie sehr Dich das fuchst.

    Aber kichern muss ich immer noch… :mrgreen:

  2. Ja, der liebe AV hat auch mich zum Schmunzeln gebracht. Sorry, aber Du hast das auch mal wieder einfach so geschrieben, dass man ums Schmunzeln nicht herum kommt.
    Ich hab so einen kleinen AV sogar daheim im Wohnzimmer im Käfig. Der kräht auch schon mal gern die halbe Nacht. (Und ob es dann unbedingt ein Vorteil ist, dass ich ihn sehen kann, will ich jetzt mal bestreiten.)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s