Moderne Rebellen

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Es gibt diese Tage, da komme ich trotz aller guten Vorsätze einfach nicht ins Bett. Dann bin ich akribisch mit Dingen beschäftigt, die ich unbedingt noch fertig kriegen möchte. Oft vergesse ich darüber einfach die Zeit und muss dann irgendwann erschrocken feststellen, dass es schon weit nach Mitternacht ist und ich eigentlich schon seit 2 Stunden schlafen sollte.

So auch Sonntagabend. Ich war damit beschäftigt meine ca. 500 Hörbücher und Hörspiele zu katalogisieren, zwischendurch noch duschen, Haare fönen, Katzenklo reinigen, usw.
Gegen viertel nach zwölf war ich dann endlich der Meinung alles Wichtige für den Tag erledigt zu haben. Ich stand gerade Zähne putzend im Bad, als aus dem Wohnzimmer altbekannte und lang nicht gehörte Töne zu mir drangen. Im WDR hatte zwischendurch der „Rockpalast“ angefangen und es dauerte ein paar Sekunden bis mir klar wurde, dass diese Töne von der Band „Wizo“ stammten. Noch im Bad stehend ging ich davon aus, dass man alte Archivaufnahmen rausgekramt hatte. Doch Pustekuchen! Als ich ins Wohnzimmer trat, stellte ich fest, dass Konzertmitschnitte des diesjährigen „Area 4“-Festivals gezeigt wurden. Es war mir völlig entgangen, dass Wizo gerade ein Comeback gefeiert hatten, und als dieser Sound jetzt wieder an meine Ohren drang, überschlugen sich meine Gedanken und Gefühle. Erinnerungen an rebellische Jugendtage stiegen in mein Bewusstsein, in denen man um jeden Preis anders sein, sich von der Masse und vor allem von den „spießigen“ Eltern abheben wollte. Punk war dafür seit seiner Erfindung ein besonders hilfreiches Stilmittel.

Wollte man es grob einteilen, so gab es auf unserem Schulhof zwei Lager. Die, die die Backstreet Boys und die, die Rock- und Punkmusik hörten. Die Alben „UUAARGH“ und „Herrenhandtasche“ von Wizo erfreuten sich in letzterem Lager eine Zeit lang besonderer Beliebtheit. So auch bei mir, denn ich gehörte natürlich ins Punkrock-Lager. Is ja klar!
Wizo und Konsorten schienen alle Ideale mit Füßen zu treten, die unseren Lehrern und Eltern heilig waren. Sie waren unangepasst, unflätig in ihrer Ausdrucksweise, schissen auf die Gesellschaft, die Politik und den Staat und sangen teils von Hass und Gewalt. Intolerant war Punk allerdings nie. Wenn jemandem Hass und Gewalt entgegen geschleudert wurde, dann traf es in erster Linie die Na.zi-Schweine. Auch in Bezug auf die unterschiedlichsten sexuellen Gesinnungen, waren die Punker oft toleranter, als es sogar unsere Eltern damals noch waren.

(Ich bin schwul, ich bin jüdisch
und ein Kommunist dazu
Ich bin schwarz und behindert,
doch genauso Mensch wie du
Ich bin hochintelligent
und doch so doof wie Sauerkraut
Ich bin schön, ich bin hässlich,
ich bin fett und gut gebaut
Es gibt nichts –
nichts was dich besser macht als mich
denn auch du hast deine Fehler,
deine Fehler so wie ich
und die Fehler sind nix falsches,
sie gehören zu dir und mir
und wenn du’s nicht auf die Reihe kriegst
kann niemand was dafür

Du bist einer von Milliarden
und das musst du akzeptier’n.
Du bist einer von Milliarden Ärschen auf der Welt )

Zugegebenermaßen waren die Botschaften aber damals eher zweitrangig. Es ging darum, dass die Musik Krach war, dass Worte wie „Ficken“, „Scheiße“, „Arsch“ gegrölt wurden und unsere Erziehungsberechtigten die Hände über dem Kopf zusammenschlugen.

Seitdem sind ein paar Jahre vergangen, unsere Ziele, Ideale und Wertvorstellungen haben sich verändert. Die Rebellen von damals sind heute längst selbst zu Spießern geworden. Der größte Teil von uns steht jeden Morgen in der Früh auf und geht einer geregelten Arbeit nach, wir planen Familien oder haben längst welche (außer man ist Ich!). Wir drücken uns gewählter aus, legen Wert auf einen gewissen Bildungsstand und sind wesentlich erfolgsorientierter, als wir es noch in der Schule waren.

Während ich das Konzert im TV verfolge, denke ich kurz darüber nach wer eigentlich das Publikum ist. Mein Gott, wie die Leute im Publikum abgehen! Mit Sicherheit stehen da noch einige Jungs und Mädels meiner Generation in der Menge, aber viele sind 16, 17 Jahre alt. So alt wie wir damals. Die meisten von denen wissen doch gar nicht mehr wer Wizo ist. Die Hochzeiten dieser Band endeten vor ungefähr zehn Jahren, da hatte dieses Publikum gerade die Grundschule abgeschlossen. Ob denen wohl klar ist, wen sie sich da gerade ansehen?
Mir ist es klar, und ich werde bei aller Freude und den Glücksgefühlen, die die Bässe in meine Adern und meinen Bauch hämmern plötzlich wehmütig.

Wie gern würde ich selbst da unten in der Menge stehen. Wie gern wäre ich noch mal rebellisch und unangepasst. Mein Puls steigt rasant, als ich diese Circle Pits und Moshpits sehe. Warum gehe ich eigentlich nicht mehr solche Konzerte? Weil ich zu alt bin? Weil ich die Musik nicht mehr mag? Michtnichten. Mir fehlt einfach die passende Begleitung. Wenn ich mich in meinem Freundeskreis umschaue, sind die weichgespülten Chartsfanatiker eindeutig in der Überzahl. Ich gebe gern zu, dass Sigur Rós und Tina Dico heute auch öfter mal auf meinem virtuellen Plattenteller rotieren, aber Rock- und Punkmusik lösen in mir noch immer die Begeisterung von damals aus.

Nur mein innerer Rebell scheint gestorben zu sein. Ich habe den Moment nicht mitbekommen in dem ich plötzlich die Kraftanstrengungen aufgab, die es erforderte, um gegen den Strom zu schwimmen. Längst lasse ich mich treiben und schwimme Flussabwärts, um am Ende in der gleichen Suppe zu landen wie alle anderen. Ich möchte noch einmal rebellisch sein, anders sein, dagegen sein. Noch einmal meinen Schuh in der moshenden Menge verlieren.

Und dann kam der Moment, der mir die Augen öffnete. Zwischen zwei Liedern trat Sänger Axel Kurth an den Rand der Bühne. Er sagte, es sei ihm wichtig zu vermitteln, dass Wizo auch eine Botschaft habe. Es gäbe natürlich Songs über Hass und Gewalt, aber das worauf es wirklich im Leben ankäme, das was wirklich cool sei, wäre Liebe und Freundschaft. Er möge zwar im nächsten Lied davon singen, dass er seiner Freundin den Kopf abschlagen will, aber eigentliche handele das Lied vorrangig von Freundschaft.  Haha, witzig, hab ich in Anbetracht des Textes von „Gute Freunde“ gedacht:

(Du, wir können doch gute Freunde bleiben, hat sie zu mir gesagt
Darauf hätt‘ ich ihr am liebsten ihren Schädel abgehackt
Du, wir können doch gute Freunde bleiben, war ihr Angebot
Und ich frage mich noch heute: Warum schlug ich sie nicht tot?)

Aber es scheint, dass selbst die Jungs von Wizo erwachsen geworden sind. Natürlich war dieser Song schon immer ironisch gemeint, aber heute können sie die Songs von damals nicht mehr unkommentiert spielen, ihre Texte von heute sind reflektierter, erwachsener und haben wahrscheinlich wirklich eine Botschaft.

Heute geistern Sido und Bushido durch die Charts. Sie sind nun für Songs über Hass und Gewalt zuständig. Die Frauenverachtung ist heute ein zusätzlicher Aspekt. Wizo halten mit ihrem neuen Song „Königin“ dagegen, der davon handelt, wie man seine Freundin, oder auch seinen Freund, wirklich behandeln sollte. Doch es ist ja nicht allein eine Frage von Musik. Man muss nur den Fernseher anschalten. Religionskriege, Selbstmordattentate, Bürgerunruhen, Krawalltalkshows, Rassenkonflikte, Armut und Hungersnöte, die der westlichen Wohlstandsgesellschaft schon längst am Arsch vorbei gehen, bestimmen unsere Nachrichten. Hass und Gewalt ist heute überall um uns herum. Man muss dafür eigentlich gar keine Nachrichten schauen. Es reicht oft schon sich umzusehen. Umzingelt von Nachbarschaftskriegen, Intoleranz und Diskussionsunfähigkeit sind Liebe und Freundschaft plötzlich zu raren Gütern geworden.In meiner Schulzeit war „Friede. Freude. Eierkuchen.“ gefühlsduselig und somit peinlich. Zumindest aus Sicht der damaligen Punks sind heute eher die peinlich, die jetzt auf Gangsta machen und es geil finden, wenn sie sich in ihren Ghettos gegenseitig die Zähne ausschlagen.

Heute sind die Rebellen die, die Liebe und Freundschaft für die wichtigste Grundlage zwischenmenschlicher Beziehungen halten. Man steht damit auf der anderen Seite. Mit Sicherheit sind wir damit dem Wunsch unserer Eltern und Lehrer wieder näher, aber gesamtgesellschaftlich ist Liebe eine rebellische Forderung. So gesehen hat sich für mich eigentlich doch nichts geändert. Ich habe mich weiterentwickelt und bin dadurch automatisch ein Rebell geblieben.

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  1. Liebe Brummsel,
    Glückwunsch zum gelungenen Experiment! Es ist toll geworden, finde ich. Deine Stimme finde ich sehr angenehm und erfrischend, für mein persönliches Hörtempo könnt es ein bisschen langsamer gehen (aber da tickt ja jeder anders). Ich kannte zwar all die Musik, die du erwähnst, nicht (hab einfach nicht in diesem Land gelebt zu der Zeit) – aber das tut der Sache überhaupt keinen Abbruch. Ist leicht zu übersetzen für mich. Den Schluss find ich am allerbesten. Jawoll – sich entwickeln und automatisch Rebell bleiben. Das ist doch mal was Gutes.
    Danke für deinen Beitrag. Da lacht mein Herz!
    Liebe Grüße
    Anke

    • Ich gebe zu, dass ich generell eine echte Schnellsprecherin bin. In Anbetracht dessen, hab ich sogar noch ziemlich langsam gesprochen 😀
      Aber da sieht man mal wie unterschiedlich man das sehen kann. Ich finde, ich trage ich das ziemlich einschläfernd vor. Diese Empfindung könnte aber damit zusammenhängen, dass ich es beim zusammenschnibbeln gefühlte 100 Mal hören musste.

  2. Meine liebste Brummsel,

    Vorab schonmal: Du hast eine sehr angenehme und ruhige Stimme. Da habe ich schon wesentlich Schlimmeres gehört. Und man wächst ja mit seinen Aufgaben. Learning by Doing. Mir hat Deine Idee mit dem Audio-Block gut gefallen. Und ich bin mir sicher, dass Du mit allen weiteren Audio-Einträgen noch besser wirst.

    Auf jeden Fall hast Du mal wieder ein Lächeln in mein Gesicht gezaubert. Und Du hast mich ein wenig nachdenken lassen. Das hätte nun wirklich nicht jeder geschafft.

    Ich gehörte auf dem Schulhof übrigens nicht zu den Backstreet-Boys-Fanatikern. 🙂 Aber „Ficken, Scheiße, Arsch“ tut man auch als Punk nicht sagen. Nicht einmal im Audio-Block. (Okay, tut man doch.)

    Ob ich irgendwann nochmal rebellisch sein werde? Hmmm… das ist eine gute Frage. Wenn man verheiratet ist, ein Haus hat und in der Bank arbeitet, dann lässt man diesen Rebell leider fast durchweg schlummern. Der hat dann keine Piercings mehr und auch keine blauen Haare. Solche Zeiten scheinen ewig her zu sein. Da musste ich doch direkt mal alte Fotos rauskramen. Und feststellen, dass meine Haare nicht nur blau, sondern auch mal orange waren. (Völlig unglaublich, dass ich sowas vergessen konnte.)

    Doch wenn Liebe und Freundschaft rebellische Forderungen sind, dann scheint der Rebell in mir doch noch zu leben. Wenn Monogamie bedeutet, dass man als Schwuler nicht angepasst ist, dann rebelliere ich jeden Tag. Und irgendwie gefällt mir dieser Blickwinkel. Damit kann ich sehr gut leben.

    Und – auch wenn es nicht ganz so ist wie der Punk von früher – kann ich auf einem Konzert von „30 Seconds to Mars“ immer noch wie ein Irrer abtanzen und rumspinnen. Das ist zwar auch irgendwie Mainstream, aber es macht unglaublichen Spaß.

    Danke für diesen wunderbaren Beitrag.

  3. Vaninchen!!!! Ich bin begeistert!!! 🙂 Gefällt mir echt gut, Deine Stimme zum immer-wieder-anhören! Wie Dir auch andere Leute sagen: Du hast wirklich eine sehr angenehme Stimme, der man gern zuhört. Na ja, dass ich Dein kleiner Fan bin, weißt Du ja… 😉
    Und so ein Audio-Blog ist ja auch eine gute Möglichkeit zum Üben und an-sich-arbeiten. Also, bitte, bitte, bitte mehr davon!!! Ab sofort bitte jeden Beitrag zusätzlich als Audio-Version, da freut sich dat Tinolino… *drüüüück* 🙂

    P.S.: Und NEIN, es hat mich NICHT davon überzeugt, dass Du als Sprecherin völlig untauglich wärst! Dat hättste wohl gerne…

    • Erst hab ich es zig mal eingesprochen, aber am Ende hatte jede Version Stellen, die ich nicht mochte. Und dann hab ich circa 3, 4 Stunden an dem Zusammenschnitt gebastelt und daran, es mit Musik zu hinterlegen usw.
      Aber ich muss auch sagen, dass meine Mittel sehr einfach und begrenzt sind. Für einen Test wollte ich kein Geld für teure Mixprogramme ausgeben.
      Zumindest das Intro wäre beim nächsten mal ja schon fertig.

  4. Hallo Brummsel,

    ich verfolge deinen Blog schon einige Zeit und finde dass Experiment Audio-Blog ist dir definitiv gelungen. Es kommt schon beinahe Hörbuch-Feeling auf.

    Und etwas Gutes hat es definitiv. Wenn man wie ich studien- bzw. berufsbedingt den halben Tag vorm Rechner sitzt, bietet der Audio-Blog die perfekte Möglichkeit sich kurz zurückzulehnen, die Augen zu schließen und trotzdem nicht das Gefühl zu haben, Zeit zu verschwenden.

    Gruß
    Cliun

    • Hallo und herzlich Willkommen! Es ist doch immer wieder schön zu erfahren, dass es auch immer ein paar unbekannte stille Mitleser gibt, die gelegentlich mal aus ihren Ecken kriechen 😉 Ich freue mich sehr.

      Mensch, ich freue mich richtig, dass Euch der Audio-Blog gefällt. Das überrascht mich sehr, aber es erleichtert mich auch! Mal sehen, vielleicht traue ich mich das irgendwann noch ein weiteres Mal.

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