Kleine Halloween-Nachlese

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So, Halloween ist vorbei, aber es wirkt noch kräftig nach.
Was nach der Samstags-Party noch kein Probelm darstellte, entpuppte sich nach Sonntag als ein kleiner Alptraum.
Die großen Narben auf der Stirn und der Wange bestanden aus angeklebtem Wachs. Da die Sonntags-Party bis in die frühen Morgenstunden andauerte, hatte ich diesen fiesen Kleber letztendlich gute 12 Stunden auf dem Gesicht. Das mochte meine Haut gar nicht. Es ging los mit großen roten Pusteln an genau den Stellen, an denen zuvor der Kleber war. Sämtliche Versuche der Selbstbehandlung mit Wund- und Heilsalbe schlugen fehl, auch eine Spezialsalbe aus der Apotheke half nur bedingt. So verschlechterte sich mein Zustand so rapide, dass am Mittwoch mein halber Kopf auf Melonengröße angeschwollen war, mein linkes Auge konnte ich gar nicht mehr öffnen und sogar mein Hals war so stark angeschwollen, dass ich schon um Luft ringen musste. Um einen verspäteten anaphylaktischen Schock zu verhindern, hat mir dann mein Arzt die volle Dröhnung verpasst: Cortison zu Einnehmen, Cortison zum Einreiben und Antiallergikum.
Mein Gesicht ist jetzt zwar nicht mehr geschwollen, aber meine Haut ist nun wirklich zombieähnlich. Die Verletzungen die am Wochenende noch geschminkt waren, sind jetzt beinahe echt, und ich bete inständig, dass nicht wirklich Narben zurückbleiben. Ich hab ein bisschen Angst davor.  Wie ärgerlich, wenn einem der große Spaß im Nachhinein so verhagelt wird!

Doch dieser Blog hieße nicht „Herzbrei und Gefühlssuppe“ wenn es hier nicht eigentlich genau darum gehen sollte. Kommen wir also zum Punkt.

In meinem heutigen Zustand wäre es mir wohl kaum möglich, Komplimente von außerhalb in mich aufzusaugen und mich in mein eigenes Spiegelbild zu verlieben. Zum Glück war das am Wochenende noch ganz anders und so kam es zu einer sehr speziellen Begegnung mit dem Männlein, die ich versuche so kurz wie möglich wiederzugeben.

Etwas verunsichert traf ich auf der Party „der Schönen“ ein, aber ich hatte Vorlaufzeit um mich einzugewöhnen, denn das Männlein war noch nicht da. Es tauchte auf, als ich schon gar nicht mehr mit ihm rechnete und wurde von mir keines Blickes gewürdigt. Zumindest nicht so, dass er es mitbekommen hätte. Umgekehrt konnte man das nicht gerade behaupten. Verunsichert beobachtete er, wie sein begleitender Freund meine Maskerade lobte, während er selbst wie ein Häuflein Elend im Hintergrund rumlungerte. Es dauerte nicht lang, bis er sich gegenüber der Schönen enttäuscht darüber äußerte, dass ich ihn ja völlig ignorieren würde. Mitleid erntete er dafür aber nicht von ihr. So schlich er circa vier Stunden um mich herum, bis wir irgendwann am Lagerfeuer im Garten aufeinander trafen, wo wir uns beide eine Zigarette gönnten. Zwischen uns endloses Schweigen. Aber es standen ja auch noch andere Leute drumherum. So auch die Schöne, die irgendwann unvermittelt meinte: „Ihr kennt euch, oder?“

Das war sein Stichwort. Sein Stichwort, um endlich NICHT zum Punkt zu kommen. Ich versuche einen Monolog, der in dieser Variante ungefähr und ungelogen zwanzig Minuten dauerte, abzukürzen: „Ach. Ach jee. Oh Gott. Brummsel ( er sagte stattdessen natürlich meinen echten Namen)… was soll ich sagen… ich kann nicht… Das ist so… was kann man… was soll man… ach Brummsel… ich bin so…. überwältigt… man kann gar nicht… ach Brummsel… das ist so… Was macht man da?… wie soll ich…“ So ließ ich ihn stammeln und verharrte in Stillschweigen. Irgendwann konnte ich dann doch nicht mehr an mich halten und musste mal kurz genervt dazwischen fragen: „Sag mal, wird das heute noch mal zu irgendwas führen, oder soll ich mir den tieferen Sinn dieser gehaltvollen Aussagen selbst zusammen reimen?“
Stutzen! Weiteres Stammeln! Unter gefühlter 250-facher Aussage meines Names, erstammelte er mir, wie überwältigt er davon sei, mich noch einmal wiederzusehen und die Gelegenheit zu haben, mir zu erklären, wie es in ihm aussähe. Ich musste mehrfach fragen, warum er diese Gelegenheit denn dann nicht auch endlich mal ergreift.

Je länger er stammelte (ich muss ihm zu Gute halten, dass sein Alkoholpegel zu diesem Zeitpunkt schon sehr beachtlich war), desto größer wurde mein Selbstbewusstsein. Er schien tief getroffen zu sein, als ich ihn fragte, warum er noch immer genau so eine Wurst sei, wie er es vor schon zwei Jahren war. Wie es sein kann, dass einer mit so breiter, stolzer Brust durch die Weltgeschichte stolziert, aber dann einfach nicht in der Lage ist, mal drei klare Sätze zu formulieren? Wie einer seine harten Worte nur über die Lippen bringt, wenn er sich hinter einer Email verstecken kann, aber von Angesicht zu Angesicht gerade mal zum Wackelpudding taugt? Und je mehr er körperlich zusammensackte, desto mehr richtete sich meine Wirbelsäule auf. Was für ein unglaublich gutes, lang nicht mehr erlebtes Gefühl! Ich lache noch heute!

Meine Freunde, die dieses Spektakel bezeugen durften, waren sich natürlich letztendlich alle einig, dass es sich bei dem Männlein um einen unglaublichen Schwätzer handelt. Und sie haben damit vermutlich extrem recht. Andererseits muss ich gestehen, dass ich ihn sich ziemlich lange habe erklären lassen. Und es kam dabei so einiges über seine Lippen, das ich dann doch nicht mehr erwartet hätte. Ich lachte ziemlich laut auf, als er behauptete, sein Herz wäre damals gebrochen gewesen und er habe zum ersten Mal seit langem wieder geweint. Warum hat er bitte geweint? Womit sollte ich ihn bitte verletzt haben? Er beteuerte einen großen Fehler gemacht zu haben und als ich ihn damit konfrontierte, was er mir damals alles um die Ohren geworfen hat, schämte er sich sehr für seine Worte. Er hätte nach mir nie wieder eine so tolle und seelenverwandte Frau getroffen. Eigentlich müssten wir jetzt knutschend auf einer Bank sitzen. Er wünschte so sehr, ich würde ihn nicht mehr hassen und er könnte noch einmal von vorn anfangen. Ich sagte ihm, dass ich ihn nicht hasse. Ein derart inniges Gefühl könne ich für ihn gar nicht erübrigen. Und wieder sackte er zusammen. Aber das hielt ihn nicht davon ab, mir Komplimente zu machen.
Es soll Frauen geben, die Männer nicht mehr ernst nehmen können, wenn ein Mann vor ihnen im Staub kriecht. Das hat berechtigte Gründe. Aber wenn man nur selten Komplimente von Männern hört, die einem mal gefallen haben, oder gefallen könnten, oder in gewissen Punkten passen könnten, und wenn man sich jahrelang mit einem einsamen Herzen durch die Weltgeschichte schlägt, dann läuft man schnell Gefahr, dass diese Komplimente auf fruchtbaren Boden fallen. Also war ich jetzt erstmal damit beschäftigt, mich innerlich zu wappnen. Wie könnte ich mich jemals wieder auf einen Mann einlassen, der mir mal das Gefühl gegeben hat, äußerlich eher abstoßend zu sein? Auch wenn er diese Aussage jetzt noch so sehr revidiert.

Es gab eine Situation in der ich in Decken eingehüllt am Lagerfeuer stand. Da die Decken in diversen Lagen um meinen Körper drapiert waren, würde ich es nicht beschwören wollen, aber ich bin mir dennoch sicher, dass er auf einem Stuhl neben mir sitzend, eine sehr lange Zeit lang meinen Rücken gestreichelt hat. Äußerlich ließ ich mir das nicht anmerken und würdigte ihn währenddessen keines Blickes, innerlich wünschte ich mir, dass exakt diese Situation von anderen Umständen begleitet wäre. Es war fünf Uhr morgens, als er vor anderen Partygästen, die uns nicht kannten, behauptete, er wäre mein Freund. Ein „Ja, klaaaaaar!“ und stark verdehte Augen waren meine Antwort.

Ich hab ihn den ganzen Abend mit einer derart kalten Schulter abgewiesen, dass nun er derjenige sein mag, der verletzt in seinem Kämmerlein hockt. Ich sollte mich freuen! Ich sollte weiter lachen und mein neu erworbenes Selbstbewusstsein stolz durch die Gegend tragen. Und irgendwie tue ich das auch. Es gibt da ein inneres Gefühl, dass mir sagt, dass man mir so schnell nichts mehr anhaben kann. Es gibt da ein Gefühl, dass viel mehr in mehr steckt, als ich je von mir erwarte hätte.
Aber es fühlt sich auch an wie ein Déjà-Vú. Ein Déjà-Vú vieler verpasster Chancen und vieler, vieler Männer, die mich einst schroff abgebügelt oder ersetzt haben und Jahre später wieder auftauchen und ihre verpasste Chance mir gegenüber bedauern. Dann, wenn alles bereits zerstört ist. Wie ein roter Faden zieht sich das durch mein Leben. Ich könnte locker 15 derartige Geschichten erzählen. Sogar mein Exfreund taucht just in diesen Tagen mit ganz ähnlichen Tendenzen wieder auf. Nur ist diese Geschichte die erste, in der ich die Chance nutzte, die kalte Schulte Jahre später zu erwidern. Ich sollte richtig glücklich sein!

Warum nur bin ich es nicht?

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  1. Weil du zu lieb bist? Und zu viel Empathie besitzt, als dass du dich darüber freuen könntest, dass jemand sich so „unangenehm“ fühlen muss?

  2. Weil er einst kein Würstchen war wie er es heute ist! Dazu kommen alle schon erlebten Würstchen Emotionen des Sommers hinzu die klopfend vor dir liegen. Das gepaart mit dieser unübertroffenen, kaum wieder gutzumachenden Verletzung seinerseits… Ein Emotionsbrei wie im Hexenkessel. Würdest du ggf Deinen Wünschen und Träumen nachgeben, würden dich die gesamte, mögliche weitere Würstchenzeit tiefe Zweifel plagen und an dir nagen, was dich in solche Verunsicherung treiben würde, dass es hemmend auf alles wirkt. Wahrscheinlich erkennt dies dein innerer Instinkt und warnt dich vor dem Einbruch haltender Konsequenz…

    Und warum bist du es nicht???? Weil er in deinen Augen nie eine Wurst war sondern viel mehr hätte sein können. Aber zum ersten Mal bietet eine Wurst Dir den Weg von Rückgabe…

    Weil es einmal mehr war als der reine Verzehr einer Wurst im Brötchen….

    Auch alte Wunden reißen auf, bluten frisch und schmerzen wie am ersten Tag!

    Liebes,ich kann dich nur knutschen!

  3. Und es bewahrheitet sich immer wieder. Man trifft sich im Leben immer zweimal. 😉

    Und ja, ich durfte auch schon mehrmals das erhabene Gefühl genießen, wenn der Speiß plötzlich umgedreht läuft und die Männlein weinend vor einem auf den Knien rutschen.

    Und obwohl man die frühere Niederlage in einen Sieg für sich verwandeln konnte, bleiben die Erinnerungen an die Demütigungen erhalten und eine Tatsache hat sich dadurch auch nicht geändert, man ist nämlich dann immer noch allein.

    • Ich habe auf Grund Deiner beiden letzten Kommentare (hier und bei „Ein Männlein steht im Walde“) das dringende Bedürfnis Dich virtuell zu umarmen!
      Besonders der letzte Satz hier ist besonders treffend!
      Und welcher der grandiosen Männlein-Sätze nun schlimmer ist, Deiner oder Meiner, dazu kann ich mich schwerlich äußern. Ich finde beide Varianten widerlich. Ich halte nichts von Schubladendenken oder Verallgemeinerungen, aber ich muss an dieser Stelle einfach mal sagen: Männer sind irgendwie doof!

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