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Moderne Rebellen

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Es gibt diese Tage, da komme ich trotz aller guten Vorsätze einfach nicht ins Bett. Dann bin ich akribisch mit Dingen beschäftigt, die ich unbedingt noch fertig kriegen möchte. Oft vergesse ich darüber einfach die Zeit und muss dann irgendwann erschrocken feststellen, dass es schon weit nach Mitternacht ist und ich eigentlich schon seit 2 Stunden schlafen sollte.

So auch Sonntagabend. Ich war damit beschäftigt meine ca. 500 Hörbücher und Hörspiele zu katalogisieren, zwischendurch noch duschen, Haare fönen, Katzenklo reinigen, usw.
Gegen viertel nach zwölf war ich dann endlich der Meinung alles Wichtige für den Tag erledigt zu haben. Ich stand gerade Zähne putzend im Bad, als aus dem Wohnzimmer altbekannte und lang nicht gehörte Töne zu mir drangen. Im WDR hatte zwischendurch der „Rockpalast“ angefangen und es dauerte ein paar Sekunden bis mir klar wurde, dass diese Töne von der Band „Wizo“ stammten. Noch im Bad stehend ging ich davon aus, dass man alte Archivaufnahmen rausgekramt hatte. Doch Pustekuchen! Als ich ins Wohnzimmer trat, stellte ich fest, dass Konzertmitschnitte des diesjährigen „Area 4“-Festivals gezeigt wurden. Es war mir völlig entgangen, dass Wizo gerade ein Comeback gefeiert hatten, und als dieser Sound jetzt wieder an meine Ohren drang, überschlugen sich meine Gedanken und Gefühle. Erinnerungen an rebellische Jugendtage stiegen in mein Bewusstsein, in denen man um jeden Preis anders sein, sich von der Masse und vor allem von den „spießigen“ Eltern abheben wollte. Punk war dafür seit seiner Erfindung ein besonders hilfreiches Stilmittel.

Wollte man es grob einteilen, so gab es auf unserem Schulhof zwei Lager. Die, die die Backstreet Boys und die, die Rock- und Punkmusik hörten. Die Alben „UUAARGH“ und „Herrenhandtasche“ von Wizo erfreuten sich in letzterem Lager eine Zeit lang besonderer Beliebtheit. So auch bei mir, denn ich gehörte natürlich ins Punkrock-Lager. Is ja klar!
Wizo und Konsorten schienen alle Ideale mit Füßen zu treten, die unseren Lehrern und Eltern heilig waren. Sie waren unangepasst, unflätig in ihrer Ausdrucksweise, schissen auf die Gesellschaft, die Politik und den Staat und sangen teils von Hass und Gewalt. Intolerant war Punk allerdings nie. Wenn jemandem Hass und Gewalt entgegen geschleudert wurde, dann traf es in erster Linie die Na.zi-Schweine. Auch in Bezug auf die unterschiedlichsten sexuellen Gesinnungen, waren die Punker oft toleranter, als es sogar unsere Eltern damals noch waren.

(Ich bin schwul, ich bin jüdisch
und ein Kommunist dazu
Ich bin schwarz und behindert,
doch genauso Mensch wie du
Ich bin hochintelligent
und doch so doof wie Sauerkraut
Ich bin schön, ich bin hässlich,
ich bin fett und gut gebaut
Es gibt nichts –
nichts was dich besser macht als mich
denn auch du hast deine Fehler,
deine Fehler so wie ich
und die Fehler sind nix falsches,
sie gehören zu dir und mir
und wenn du’s nicht auf die Reihe kriegst
kann niemand was dafür

Du bist einer von Milliarden
und das musst du akzeptier’n.
Du bist einer von Milliarden Ärschen auf der Welt )

Zugegebenermaßen waren die Botschaften aber damals eher zweitrangig. Es ging darum, dass die Musik Krach war, dass Worte wie „Ficken“, „Scheiße“, „Arsch“ gegrölt wurden und unsere Erziehungsberechtigten die Hände über dem Kopf zusammenschlugen.

Seitdem sind ein paar Jahre vergangen, unsere Ziele, Ideale und Wertvorstellungen haben sich verändert. Die Rebellen von damals sind heute längst selbst zu Spießern geworden. Der größte Teil von uns steht jeden Morgen in der Früh auf und geht einer geregelten Arbeit nach, wir planen Familien oder haben längst welche (außer man ist Ich!). Wir drücken uns gewählter aus, legen Wert auf einen gewissen Bildungsstand und sind wesentlich erfolgsorientierter, als wir es noch in der Schule waren.

Während ich das Konzert im TV verfolge, denke ich kurz darüber nach wer eigentlich das Publikum ist. Mein Gott, wie die Leute im Publikum abgehen! Mit Sicherheit stehen da noch einige Jungs und Mädels meiner Generation in der Menge, aber viele sind 16, 17 Jahre alt. So alt wie wir damals. Die meisten von denen wissen doch gar nicht mehr wer Wizo ist. Die Hochzeiten dieser Band endeten vor ungefähr zehn Jahren, da hatte dieses Publikum gerade die Grundschule abgeschlossen. Ob denen wohl klar ist, wen sie sich da gerade ansehen?
Mir ist es klar, und ich werde bei aller Freude und den Glücksgefühlen, die die Bässe in meine Adern und meinen Bauch hämmern plötzlich wehmütig.

Wie gern würde ich selbst da unten in der Menge stehen. Wie gern wäre ich noch mal rebellisch und unangepasst. Mein Puls steigt rasant, als ich diese Circle Pits und Moshpits sehe. Warum gehe ich eigentlich nicht mehr solche Konzerte? Weil ich zu alt bin? Weil ich die Musik nicht mehr mag? Michtnichten. Mir fehlt einfach die passende Begleitung. Wenn ich mich in meinem Freundeskreis umschaue, sind die weichgespülten Chartsfanatiker eindeutig in der Überzahl. Ich gebe gern zu, dass Sigur Rós und Tina Dico heute auch öfter mal auf meinem virtuellen Plattenteller rotieren, aber Rock- und Punkmusik lösen in mir noch immer die Begeisterung von damals aus.

Nur mein innerer Rebell scheint gestorben zu sein. Ich habe den Moment nicht mitbekommen in dem ich plötzlich die Kraftanstrengungen aufgab, die es erforderte, um gegen den Strom zu schwimmen. Längst lasse ich mich treiben und schwimme Flussabwärts, um am Ende in der gleichen Suppe zu landen wie alle anderen. Ich möchte noch einmal rebellisch sein, anders sein, dagegen sein. Noch einmal meinen Schuh in der moshenden Menge verlieren.

Und dann kam der Moment, der mir die Augen öffnete. Zwischen zwei Liedern trat Sänger Axel Kurth an den Rand der Bühne. Er sagte, es sei ihm wichtig zu vermitteln, dass Wizo auch eine Botschaft habe. Es gäbe natürlich Songs über Hass und Gewalt, aber das worauf es wirklich im Leben ankäme, das was wirklich cool sei, wäre Liebe und Freundschaft. Er möge zwar im nächsten Lied davon singen, dass er seiner Freundin den Kopf abschlagen will, aber eigentliche handele das Lied vorrangig von Freundschaft.  Haha, witzig, hab ich in Anbetracht des Textes von „Gute Freunde“ gedacht:

(Du, wir können doch gute Freunde bleiben, hat sie zu mir gesagt
Darauf hätt‘ ich ihr am liebsten ihren Schädel abgehackt
Du, wir können doch gute Freunde bleiben, war ihr Angebot
Und ich frage mich noch heute: Warum schlug ich sie nicht tot?)

Aber es scheint, dass selbst die Jungs von Wizo erwachsen geworden sind. Natürlich war dieser Song schon immer ironisch gemeint, aber heute können sie die Songs von damals nicht mehr unkommentiert spielen, ihre Texte von heute sind reflektierter, erwachsener und haben wahrscheinlich wirklich eine Botschaft.

Heute geistern Sido und Bushido durch die Charts. Sie sind nun für Songs über Hass und Gewalt zuständig. Die Frauenverachtung ist heute ein zusätzlicher Aspekt. Wizo halten mit ihrem neuen Song „Königin“ dagegen, der davon handelt, wie man seine Freundin, oder auch seinen Freund, wirklich behandeln sollte. Doch es ist ja nicht allein eine Frage von Musik. Man muss nur den Fernseher anschalten. Religionskriege, Selbstmordattentate, Bürgerunruhen, Krawalltalkshows, Rassenkonflikte, Armut und Hungersnöte, die der westlichen Wohlstandsgesellschaft schon längst am Arsch vorbei gehen, bestimmen unsere Nachrichten. Hass und Gewalt ist heute überall um uns herum. Man muss dafür eigentlich gar keine Nachrichten schauen. Es reicht oft schon sich umzusehen. Umzingelt von Nachbarschaftskriegen, Intoleranz und Diskussionsunfähigkeit sind Liebe und Freundschaft plötzlich zu raren Gütern geworden.In meiner Schulzeit war „Friede. Freude. Eierkuchen.“ gefühlsduselig und somit peinlich. Zumindest aus Sicht der damaligen Punks sind heute eher die peinlich, die jetzt auf Gangsta machen und es geil finden, wenn sie sich in ihren Ghettos gegenseitig die Zähne ausschlagen.

Heute sind die Rebellen die, die Liebe und Freundschaft für die wichtigste Grundlage zwischenmenschlicher Beziehungen halten. Man steht damit auf der anderen Seite. Mit Sicherheit sind wir damit dem Wunsch unserer Eltern und Lehrer wieder näher, aber gesamtgesellschaftlich ist Liebe eine rebellische Forderung. So gesehen hat sich für mich eigentlich doch nichts geändert. Ich habe mich weiterentwickelt und bin dadurch automatisch ein Rebell geblieben.

Tag 14: Ein Buch aus meiner Kindheit

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Tine durch zwei geht nicht
Elfie Donnelly
1982

Mannomann, dieses Blogprojekt fragt wirklich sehr häufig nach Kinderliteratur. Da hoffe ich nur, dass einige meiner Leser junge Mütter sind, die das zufällig interessiert.

Elfie Donnelly nur auf Bibi Blocksberg und Benjamin Blümchen zu reduzieren, würde ihr nicht gerecht werden. Frau Donnelly schreibt wunderbare „problemorientierte Kinderliteratur“, in der Sie es hervorragend versteht, auf die Seelen und Probleme der Kinder einzugehen und ihnen Mut und Hoffnung zu machen.

„Tine durch zwei“ bekam ich in meinem elften Lebensjahr geschenkt, dem Jahr in dem meine Eltern mir eröffneten, dass Mama und ich zu Hause ausziehen werden. In einer solchen Situation gehen die furchtbarsten Dinge durch einen Kinderkopf. Zu wem gehöre ich jetzt? Wer hat mich lieber? Wen habe ich lieber? Bei wem will ich leben? Wen werde ich dadurch verlieren? Bin ich schuld? Kann ich das noch verhindern, wenn ich zukünftig immer ganz lieb bin? Warum haben sich alle Eltern lieb, nur meine nicht?

Dieser Fragen war sich auch Elfie Donnelly bewusst und versuchte den vielen betroffenen Kinderseelen Erleichterung zu verschaffen, was ihr auch großartig gelang. Tine, ihr Bruder Tim und ihre Schildkröte Sumacumlaude fühlen sich zerrissen, als die Eltern sich trennen. Als ihrem Papa bewusst wird, dass Tim sich bereits entfremdet hat, holt er Tine am letzten Schultag vor Weihnachten aus der Schule ab und fliegt mit ihr nach Teneriffa, während Mama zu Hause sitzt und nicht weiß was los ist. Das klingt jetzt alles sehr kriminell, ist aber die passende Basis für eine intensive Auseinandersetzung mit den Gefühlen, die eine Scheidung auslöst. Und zwar bei allen Beteiligten, den Kindern und den Eltern. Elfie schreibt einfühlsam, realistisch, witzig, aber vor allem ehrlich und frei von Schönfärberei. Sie nimmt ihre jungen Leser ernst und gaukelt ihnen kein Happy End vor, das es nachweislich im wahren Leben fast nie gibt. Aber sie tröstet und zeigt Möglichkeiten auf, auch mit einem Sad End umzugehen, ohne an ihm zu verzweifeln.
Mich hat sie sehr getröstet und mir das Gefühl gegeben nicht allein und verstanden worden zu sein. Ein tolles Buch für Kinder UND ihre Eltern, die das Gefühl haben, dass ihnen die Antworten ausgehen. (31 Tage – 31 Bücher)

Tag 9: Das erste Buch, das ich je gelesen habe

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Wenn ich ehrlich bin habe ich nicht die geringste Ahnung.
Was mir das Erinnern so schwer macht ist die Tatsache, dass ich schon unzählige Bücher besaß, lange bevor ich überhaupt lesen konnte. Ich hatte das große Glück eine Mama zu haben, die sich allabendlich an mein Bett setzte und mir Bücher und Geschichten vorlas. Laut ihrer Aussage waren das erste was ich las Litfaßsäulen und Plakatwände. Aber welches meiner vielen Bücher ich zuerst in die Hand nahm, als ich des Lesens endlich mächtig war, kann ich nicht mehr sagen. Wie an anderer Stelle erwähnt, nahm ich mir sehr schnell „Der Herr der Ringe“ vor, kaum dass ich ich richtig lesen konnte, aber davor gab es schon auch leichtere Kost fürs Hirn.

Aber ich kann grob auflisten, welche Bücher unter meinen ersten waren.
Da waren natürlich die wunderbaren Bücher von Janosch, hunderte von kleinen Pixibüchern, Märchenbücher aller couleur, Der Struwwelpeter, ein Sandmännchenbuch mit 365 kurzen Geschichtchen, Lieder- und Gedichtbücher, Jim Knopf, Ronja Räubertochter, Das Sams, Der kleine Prinz uvm. Viele diese Bücher (speziell die Kurzgeschichten) konnte ich auswendig, bevor ich sie selber lesen konnte.

Vielleicht ist es traurig, dass ich mich nicht an das erste Buch erinnern kann. Man sollte meinen, es wäre eine elementare Erinnerung, ein Meilenstein des Lebens. Aber eigentlich ist das heute nicht mehr wichtig. Wichtig ist nur, dass ich Eltern hatte, die meine Liebe zum gedruckten Wort schon sehr früh entfacht haben und mich zu einer Leseratte werden ließen. Mein Vater, seines Zeichens diplomierter Bücherwurm, brachte mir viele Bücher aus dem Buchclub mit, meine Mama, ihres Zeiches diplomierte Vorleserin und Rückekraulerin, las sie mir vor.
Das Ergebnis bin ich: Diplomierte Wortliebhaberin und sich-den-Rücken-kraulen-Lasserin! (31 Tage – 31 Bücher)

Tag 8: Ein Buch, das mich an einen Ort erinnert

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Die Spinne in der Yucca-Palme
Rolf Wilhelm Brednich
1990

Dieses Buch, ebenso wie „Das Huhn mit dem Gipsbein“, „Die Maus im Jumbo-Jet“ und „Die Ratte am Strohhalm“, erinnert mich an mein Zelt in meinem Garten!

Meine Freundin Jessica aus der Nachbarschaft, besaß all diese Bücher, in denen die witzigsten, gruseligsten, ekeligsten und traurigsten urbanen Legenden unser Zeit gesammelt sind. Sie, Benny (ein weiterer Junge aus der Nachbarschaft) und ich, schliefen in den Sommerferien grundsätzlich nicht in unseren Betten, sondern in einem Zelt in einem unserer Gärten. Wenn man es genau nimmt, schliefen wir eigentlich nie. Wir streiften mit Taschenlampen durch die Nacht, saßen im Mondschein auf meiner Schaukel oder, wenn wir uns nicht gerade Ja-Nein-Irrelevant-Rätsel stellten, erzählten uns die ganze Nacht lang Gruselgeschichten. Oft stammten die Geschichten aus eben diesem Buch. Da ich vier Jahre jünger als Jessica und Benny bin, verstanden die zwei sich hervorragend darauf, mir ordentlich Angst einzujagen.

Heute besitze ich die Bücher selber und erkenne die Geschichten darin als das, was sie sind: nichts weiter als Legenden! Zum Lachen oder Ekeln bringen sie mich noch immer, ängstigen tun sie mich nicht mehr. Aber sie erinnern mich, an den Geruch in meinem Zelt, an Sommergewitter, an unseren Garten und den schönsten Sommer meines bisherigen Lebens! (31 Tage – 31 Bücher)

Tag 7: Ein Buch, das mich an jemanden erinnert

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Dolly
Enid Blyton (& diverse Ghostwriterinnen)
1946-1951 (und später)

Maika war in der Grundschule meine allerbeste Freundin. Wir haben alles miteinander gemacht: Lachen, singen, Rad fahren, im Wald rumstreunern, Barbie spielen. Maika war die Mittlere von 3 Schwestern und ich habe sie oft um ihr tolles familiäres Gefüge beneidet. Sie war sehr schlau, konnte wunderschön malen und lernte Geige zu spielen. Wer uns von außen beobachtete, musste zwangsläufig der Meinung sein, dass sie das brave, gut erzogene Mädchen und ich der freche Wildfang war. Nicht nur unsere Lehrer haben sich das ein oder andere Mal gefragt, was uns bloß verbindet. Aber wir waren unzertrennlich und Maika wurde unterschätzt. Sie hatte es nicht weniger faustdick hinter den Ohren als ich. Sie kaschierte es nur besser.

Wir wurden auseinandergerissen, als sie aufs Gymnasium wechselte und ich auf die Realschule. Wie das immer so ist, schläft der Kontakt irgendwann ein. Trotzdem denke ich an jedem 13. Oktober an sie, ihrem Geburtstag. Dank StudiVZ haben wir uns vor drei Jahren wiedergefunden und vor zwei Jahren haben wir uns getroffen, was erst gar nicht so leicht zu bewerkstelligen war, weil sie in einer weit-wecken Stadt studiert(e). Aber unser Wiedersehen war großartig. Wir haben viel gelacht und schwelgten in den schönsten Kindheitserinnerungen. Mir wurde wieder klar, warum ich sie als Kind so geliebt hatte. Wir nahmen uns vor, uns nicht wieder so schnell aus den Augen zu verlieren, aber dennoch ist dieses Treffen jetzt zwei Jahre her und wir haben uns quasi wieder verloren. In diesem Moment wird mir klar, wie erbarmungslos die Zeit davon rennt, und dass ich sie auf dem schnellsten Wege kontaktieren sollte. Sie ist so wunderbar!

Nun zum Buch. Maika und ich haben immer viel gelesen, meist auch die gleichen Bücher. Sie war es, die mich mit ihrer Liebe für Enid Blyton ansteckte. „Hanni und Nanni“ waren bei mir nie so der Renner, aber „Fünf Freunde“, „Geheimnis um…“, „Lissy“, Die „Abenteuer“-Serie, und vor allem „Dolly“. Ich habe „Dolly“ verschlungen. Ich las die wirklich dicken Sammelbände, bestehend aus je drei Bänden, jeweils innerhalb von 3-4 Tagen, was ich rückblickend für eine Grundschülerin sehr beachtlich finde. Ich liebte die Bücher und ihre Protagonistin Dolly so sehr, dass ich sie selbst in der 7. Klasse noch las.
Für alle, denen „Dolly“ kein Begriff ist: Die Geschichten erzählen von Dollys Leben in dem Internat „Burg Möwenfels“. Beginnend bei ihrer Einschulung und endend mit ihrer Hochzeit, erzählen die Bücher eine halbe Lebensgeschichte. Von Kindertagen und Flausen im Kopf ausgehend, liest man sich weiter durch ihre Pubertätswirrungen, Intrigen, erste Lieben und sehr starke Freundschaften, über ihren Eintritt ins Berufsleben, ihrer Hochzeit, und den ersten Kindern, bis sie letztendlich selbst Direktorin von Burg Möwenfels wird. Parallel dazu verfolgt man die Entwicklung Dollys kleiner Schwester, ebenfalls bis zum Erwachsenenalter.
Natürlich sind die „Dolly“-Bücher nicht nur bedingungslos toll, sondern für heutige Verhältnisse auch arg kritikwürdig. Enid Blyton schuf sehr viele Stereotype, auf die sie auch in ihren anderen Büchern immer wieder zurückgriff. Amerikanerinnen sind z.B. immer oberflächlich und auf ihr Aussehen bedacht, Französinnen hitzig und temperamentvoll, Blondinen sind immer unsportlich. Auch werden in ihren Büchern oft die Schwächeren und die, die nicht mithalten können, ausgegrenzt, ausgelacht und ernten Spott und Häme. Enid Blyton kritisiert ein solches Verhalten auch nicht. Wir würden das heute Mobbing nennen, aber die Bücher entstanden zwischen den Jahren 1946 und 1951, in denen Mobbing nicht unbedingt ein gesellschaftliches Problem darstellte. Eher ein kleiner Kritikpunkt ist, dass die deutsche Übersetzung, was die Eindeutschung sämtlicher Namen und Ortsbezeichnungen einschließt, aus meiner erwachsenen Sicht, eher gruselig ist.
Ab Band 7, das kann man auch ziemlich gut erkennen, findet ein Umbruch in den Geschichten statt, denn nach Enid Blytons Tod wurde die Reihe von deutschen Autorinnen (unter dem Namen Enid Blyton) weitergeführt. Und das immerhin bis Band 18!! Der größte Teil der gesamten Reihe ist also von einer deutschen Mentalität beeinflusst. Doch die Atmosphäre, den inneren Geist der Dolly-Geschichten, konnten die Ghostwriterinnen wunderbar erhalten und weiterspinnen. Ich liebte jeden einzelnen Band!

Maika und ich lebten oft in einem Enid-Blyton-Kosmos. In unserer Phantasie gingen wir auch auf ein Internat und wir hatten gemeinsame imaginäre Freundinnen, die ihre Namen aus Enid-Blyton-Büchern hatten. Auch unsere Barbie-Puppen hatten ihre Namen und ihre erlebten Abenteuer oft Enid Blyton zu verdanken. Nur der Geschlechtsverkehr, den sie untereinander hatten, stammte dann doch aus unseren eigenen Hirnen. 😉

Wann immer ich heute eines meiner „Dolly“-Bücher in Händen halte, oder eines in einer Bücherei sehe, muss ich an Maika denken! Meine wunderbarste Grundschulfreundin! (31 Tage – 31 Bücher)

Klatschmohn

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Der Klatschmohn blüht im Weizenfeld
und auch am Wegesrande
Am liebsten wächst er frei und wild,
drum lebt er auf dem Lande

Man nennt ihn eine Blumenart,
doch ist er nicht geheuer.
Er hat ein rabenschwarzes Herz
und blüht so rot wie Feuer

Und einmal in der Sommernacht
hat ein Pirol gesungen.
Und als sein hübsches kleines Lied
soeben war verklungen,

da klatschte jemand laut zum Lob.
Ist das nicht sonderbar?
Es war doch niemand sonst zu sehn.
Ob es der Klatschmohn war?

Dieses schöne Gedicht lernte ich in meiner Kindheit von meiner Mama. Niemand scheint zu wissen, woher es kommt und wer es geschrieben hat. Stundenlange Bemühungen es zu googlen führten ins Nirvana, und zu nur EINEM anderen Menschen, der es ebenfalls aus seiner Kindheit kennt, und dem der Ursprung genauso unbekannt ist. Scheint mir ein typischer Fall von lyrischer Mundpropaganda zu sein.
Wie auch immer, ich liebe dieses Gedicht und noch viel mehr liebe ich die Blume von der es handelt. Sie wird immer eine meiner Lieblingsblumen bleiben!

An obrigem, von Klatschmohn gesäumten Weizenfeld, fahre ich tagtäglich vorbei.

Was in Kinderhirnen manchmal so vor sich geht…

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Manchmal geht das Leben schon ungewöhnliche Wege. Als ich diesen Blog eröffnete, war ich vor allem von der Angst getrieben, dass ich nicht wissen könnte, worüber ich schreiben soll, dass mir ganz schnell die Themen ausgehen könnten. Doch mittlerweile sprudelt es in meinem Kopf nur so vor Ideen. Ich weiß gar nicht, wann ich all das hier niederschreiben soll, was bisher schon so auf meiner Liste steht.

Vielleicht ist mein Blog ein wenig ungewöhnlich. Er widmet sich weder einem speziellen Thema, noch ähnelt er den anderen Blogs, die vorrangig als öffentliche Tagebücher fungieren. Auch haben meine Beiträge nicht die übliche Länge, sondern ufern nicht selten in halbe Romane aus. Dass dadurch ständig das Damokles-Schwert über mir hängt,  meine Leser abzuschrecken oder zu langweilen, ist mir bewusst.
Meine ursprüngliche Intention lag darin, mehr und mehr Schreiberfahrung zu erlangen und an meinem Schreibstil zu feilen. Das trifft auch noch immer zu, aber ich gebe zu, dass dieser Blog mittlerweile eher zu einer Spielwiese für mein unbändiges Mitteilungsbedürfnis geworden ist. Alles was mir irgendwie und irgendwann so durch den Kopf geht, erweckt in mir zeitgleich das Bedürfnis, es hier zu verewigen.

So findet auch mein momentaner Gedanke seinen Weg in dieses kleine Blöglein. Ich habe gerade, wohl zum fünfundzwanzigsten Mal, den wunderbaren Film „Meuterei auf der Bounty“ mit meinem geliebten Marlon Brando gesehen. Macht euch schon mal auf eine weitere endlose Liebeserklärung gefasst. 😉

Der Film spielt in den Jahren 1787-1790 und wurde 1962 gedreht. Und während ich gerade den Film genoss, erinnerte ich mich schmunzelnd daran, dass ich in meiner Kindheit, als ich weder Ahnung vom Leben noch vom Filmgeschäft hatte, immer glaubte, alle Filme seien in der Zeit gedreht worden in der sie spielen. Das führte gleichzeitig zu der Annahme, dass der Mensch schon seit ungefähr 500 Jahren Filme dreht. Seltsamerweise war mir dennoch bewusst, dass es sich um Schauspiel handelt. Als Kind habe ich die Serie „Unsere kleine Farm“ geliebt. Die Geschichte der Serie beginnt ca. im Jahre 1873 und wurde 1974-1983 gedreht. In der Zeit in der ich die Serie verfolgte, glaubte ich zwar nicht unbedingt sie wäre 1873 gedreht worden, weil mir gar nicht bewusst war, wann die Serie spielen sollte, sondern glaubte, dass man in Walnut Grove, Amerika, immer noch so rückständig lebt, sich mit Pferd und Wagen fortbewegt und zu Sechst auf 30m² lebt. Weiß der Henker, was damals in meinem Kopf vorging.
Dieser sehr lustige Gedanke erinnerte mich wiederum daran, dass auch mein Vater in seiner Kindheit einem sehr lustigen Irrglauben aufgesessen war. Immer wenn in einem Film jemand erschossen oder anderswie ermordet wurde, war er davon überzeugt, dass man für diese Rollen Verbrecher engagiert hatte, die eh die Todesstrafe hätten bekommen sollen, um diese dann vor der Kamera zu vollstrecken. Man hätte ja schlecht gute und unschuldige Menschen für einen Film erschießen können. 😀

Nun frage ich Euch:
Welchen seltsamen Irrglauben seid Ihr in Eurer Kindheit auf den Leim gegangen? Dabei ist es völlig egal, ob es sich auf Filme oder ganz andere Lebensbereiche bezieht. Wovon wart Ihr als Kind felsenfest überzeugt, von dem Ihr heute wisst, dass es absoluter Nonsens ist? Von Weihnachtsmann und Osterhase möchte ich hier allerdings nichts hören…
Ich freue mich sehr auf Eure Kommentare!!!

Werbe-Nostalgie | Von großen Stimmen und Ute, Schnute, Kasimir

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Es gab mal eine Zeit, da habe ich tatsächlich noch gern Fernsehwerbung geschaut. Und das lag ganz und gar nicht daran, dass die Spots besser oder die Produkte toller gewesen wären. Das lag einzig daran, dass man sich nach jedem Spot auf einen kleinen Comic freuen konnte. Entweder mit den Mainzelmännchen oder mit Ute, Schnute, Kasimir. Letztere liebte ich besonders, weil Kasimir ja soooo ein Süßer war. Das waren noch Zeiten, als man das Gefühl hatte, es ginge gar nicht um die Werbung, sondern nur um kreative Programmgestaltung.

Im Rückblick sind jedoch die Spots dazwischen ziemlich befremdlich. Wenn ich sie heute sehe, kann ich mich sogar an einige von Ihnen wieder erinnern. Unglaublich, aber wahr. Meine All-Time-Favourite-Spots (hier leider nicht zu sehen) waren „Storck Schokoladenriesen bitte, Frau Lange“ und Werther’s Echte „Heute bin ich der Großvater“. Ich habe mich beim Ansehen gefragt, warum diese Spots heute so befremdlich und anders wirken und wo eigentlich genau der Unterschied liegt. Zum einen waren die meisten Spots wesentlich kürzer und prägnanter. Zum anderen, waren sie meist über ihre gesamte Länge von einem Sprecher dominiert, der jedes Produkt bis ins Detail erklärte. Heute wird eine knackige Musik unter die Bilder gemischt und vielleicht sagt am Ende noch jemand etwas zum Produkt. Fertig. Wenn heute gesprochen wird, dann sprechen die Darsteller des Spots einen eigenen Text (wenn auch oft synchronisiert), wie in einem kleinen Film. Damals gab es das zwar auch gelegentlich schon, war aber nicht unbedingt die Regel. Die Protagonisten gaben hier vorrangig ihre Gesichter oder andere Körperteile her. Die damaligen Spots waren, im Vergleich zu den heutigen, in der Tonabmischung eine Katastrophe. Nix mit Dolby Surround, Dolby Digital und Digital Remastered!

Anders lässt sich der Klangunterschied nicht erklären, denn es waren zu großen Teilen bereits damals die großartigen Sprecher am Werk, die wir heute noch in den Spots oder als Synchronsprecher hören. Man erkennt ihre Stimmen sofort und doch klingen sie so anders. Aber genießen wir doch gemeinsam: Lies den Rest dieses Beitrags