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Wie man anderen den Tag rettet

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Es gibt eine ganze Reihe von „Dingen“ an denen es einem mangelt, wenn man Single ist. Eines davon, das in seiner Bedeutsamkeit oft unterschätzt wird, ist das Kompliment. Besonders das überraschende Kompliment. Daran mangelt es freilich nicht nur Singles, aber ich weiß, wie sehr man manchmal danach dürstet. Die größte Wirkung entfaltet es, wenn es von jemandem kommt, den man nicht kennt, der kein Freund oder Famillienmitglied ist. Es muss auch keinen Flirtcharakter haben, um einem den Tag zu retten.

Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit:
Vor einiger Zeit führte ich abends den Hund meines Vaters Gassi. Ich fühlte mich an dem Tag wie Erna. Das Haar oben fettig, unten trocken. Nach einem langen Tag quasi keine Schminke mehr im Gesicht. Am Köper die letzten drei Kleidungsstücke, die gerade nicht in der Wäsche waren und eher in die Kategorie „minimal besser als der Kartoffelsack“ fallen. In diesem Zustand tritt man vor die Haustür in der Hoffnung von niemandem gesehen zu werden.
Wir hatten unsere Runde schon fast beendet, ohne nennenswerte Begegnungen mit anderen Menschen, als der Hund auf dem letzten Drittel eine andere Hündin entdeckte, die natürlich unbedingt sofort zum Spielen aufgefordert werden musste. Und natürlich hing am anderen Ende der Leine auch ein Herrchen. Sowohl ich, als auch der Hund, kannten diese Hündin schon. Allerdings nur in Kombination mit Frauchen. Jetzt stand also das dazugehörige Herrchen vor mir. Ein Mann, der wohl schon so auf die sechzig zugehen mag. Und während unsere Hunde miteinander tobten, kamen wir natürlich ins Gespräch. Als ich meinen Weg gerade fortsetzen wollte, sah der Mann mich an und sagte: „Du siehst wirklich bildhübsch aus.“ Wie bitte? Ich hab mich wohl verhört. Doch er setzte nach: „Wirklich. Ein hübsches Mädchen.“ Ich konnte es kaum fassen und nutzte drei Meter weiter eine Autoscheibe als Spiegel. Mein erster Gedanke war, dass der mich doch verarscht haben muss. Mein zweiter war, dass er mir damit gerade ganz schön den Tag gerettet hat.

Heute war ein Tag an dem ich mich nicht ganz so fürchterlich fühlte, wie an oben beschriebenem Tag. Aber auch kein Tag für ein Fotoshooting. Nach der Arbeit war ich noch lang unterwegs und sprintete abschließend auf den letzten Drücker in den Supermarkt. An der Kasse saß ein durchaus ansehnliches Mädel. Etwas zu stark geschminkt, aber hübsch. An einem mittelmäßig bis schlechten Tag ist sowas eher kontraproduktiv. Wegen der ständigen Vergleiche, die man im Kopf anstellt.
Als ich zahlen wollte, lächelte sie mich an und sagte: „Du hast aber tolle Haare.“ Meine ungläubige Antwort: „Ach ja?“ „Ja, echt schön.“ Und was soll ich sagen? Tag gerettet.

Als ich meinem Vater damals den Hund zurückbrachte und ihm die Geschichte, dieses wunderbaren Kompliments erzählte, fiel ihm auch noch etwas ein. Er war mit der neunjährigen Tochter einer Freundin im Wald unterwegs (ebenfalls mit Hund), als sie ihn in ansah und fragte: „Du, wie alt bist du eigentlich?“ In dem Wissen, dass Kinder manchmal grausam sein können, schluckte mein Vater und gestand kleinlaut, dass er 52 sei. Daraufhin riss sie die Augen auf und erwiderte: „Echt? Ich dachte du bist höchstens 39.“ Das breite Grinsen mit dem er mir diese Geschichte erzählte, ließ mich erahnen, dass ihm das offensichtlich den Tag gerettet hat.

Wie oft gehen wir durch diese Welt  und treffen auf andere Menschen, die uns gut gefallen, die wir hübsch oder sofort unglaublich sympathisch finden? Und wie oft sagen wir nichts, weil wir befürchten, wir könnten dem Anderen zu Nahe treten. Wie leicht fällt es uns hingegen andere zu beschimpfen, uns öffentlich über sie aufzuregen, oder sie im Straßenverkehr als Arschloch zu betiteln. Ich weiß, es ist nicht leicht über die Lippen zu bringen, aber wenn ihr das nächste Mal durch euren Alltag stolpert und ihr seht jemanden, der euch in irgendeiner Weise beeindruckt, sagt es ihm. Vielleicht kann er es in genau diesem Moment unglaublich gut gebrauchen. Und wahrscheinlich könnt ihr ihm damit auf die einfachste Weise mal eben den Tag retten.

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Verdammte Axt

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Wenn ich heute noch einmal “Scheiße-Pisse-Kacke-Arsch-MeineFresse-Fickdiehenne“ höre, drehe ich durch. Es ist unglaublich wie manche Kollegen es mit ihrer völlig grundlosen schlechten Laune und ihrem dauerhaft Genervtsein schaffen, einem die absolut phantastische Laune zu vermiesen, mit der man ursprünglich auf die Arbeit gekommen war. Und so erlebte ich einen Sturz auf meinem Stimmungsbarometer von achtundneunzig auf null. Widerlich finde ich das. Und vor allem unverschämt. Verdammte Axt, ey!

Was mich aber heute immer wieder aufmuntern konnte und darum auch gefühlte vierundsiebzig Mal von mir gehört wurde, möchte ich jetzt gern mit Euch teilen:

Einbettung folgt

Unvorstellbare Dimensionen

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Ich bin eine absolute mathematische Nulpe. Ich habe keinerlei Gespür für Zahlen. Kein Gefühl dafür, wie groß oder klein ein gewisser Geldbetrag ist, oder dafür, ob eine bestimmte Anzahl an Jahren eher lang oder kurz ist. Natürlich besitze ich einen gewissen subjektiven Sinn für diese Dinge, aber grundsätzlich sind Zahlen für mich böhmische Dörfer. Genaugenommen beherrsche ich nicht einmal das Ein mal Eins so gut, wie man es eigentlich können sollte. Und ich bin Kauffrau. Witzig, oder?

Aber es gibt zahlentechnische Dimensionen, die so gewaltig sind, dass sie sich nicht einmal ein durchschnittlich mathematisch begabter Mensch vorstellen kann.
Erst gestern haben wir im Büro diskutiert, was wir wohl mit dem 21 Mio. Lottogewinn gemacht hätten. Zunächst klang der Betrag noch relativ schnell aufbrauchbar, aber als wir uns Gedanken darüber machten, dass das monatlich 30.000 € an Zinsen bedeuten würde, kamen wir doch recht schnell an den Rand unserer persönlichen Vorstellungskräfte.
Heute morgen wurde mein Hirn noch weiter strapaziert. Unser Betrieb nahm kürzlich Reparaturarbeiten an der zweitgrößten Privatyacht der Welt vor. Sie gehört dem Sultan von Oman und ist 155 Meter lang (man sagte mir, das sei seeeehr lang). In Millionärskreisen ist der Besitz einer Yacht das Nonplusultra und es gilt die Faustregel „mindestens 1 Mio. USD pro Meter“. Als ich mir dann noch anschaute, was der Sultan sonst noch alles so besitzt (siehe hier), stockte mir der Atem. So viel Geld ist einfach nicht mehr vorstellbar.

Eigentlich will ich aber auf eine ganz andere Dimension hinaus, die ebenso wenig vorstellbar ist. So unvorstellbar, dass sich mir der Magen umdreht. Im Zuge der aktuellen Castor-Proteste klärte mich das Radio heute über folgenden Umstand auf:
Wir haben in den letzten Jahren eine dermaßen große Menge an Atommüll produziert, dass es 40.000 GENERATIONEN lang dauern wird, bis sich der in Gorleben oder sonstwo gelagerte Müll endgültig abgebaut hat. Wir reden nicht von 40.000 Jahren, sondern von Generationen! Wer sich das genauso wenig vorstellen kann wie ich, der möge sich kurz vor Augen halten, dass der Beginn unserer Zeitrechnung, also die Zeit um Christi Geburt, gerade einmal 80 Generationen zurück liegt. 40.000 zukünftige Generationen müssen sich mit diesem Abfall rumplagen. Das ist aber noch das kleinste Problem, denn wie macht man unseren Urururururenkeln klar, welch Ei wir da in ihrer Erde versteckt haben? Wie verhindert man, dass Gorleben und die anderen Endlager in Vergessenheit geraten und zukünftige Generationen an besagten Stellen auf die Idee kommen nach Öl oder anderen Bodenschätzen zu suchen?
Wer glaubt, man könne das Wissen um die Endlager weitervererben, der irrt gewaltig. Es ist kaum 200 Jahre her, dass der Mensch es geschafft hat, die ägyptischen Hieroglyphen zu entziffern. Aber seit es die Hieroglyphen gibt, lebten immer Menschen in Ägypten, von denen Jahrhunderte lang auch niemand mehr wusste, wie diese zu lesen sind.
Schon in 20 Generationen, also in ca.  600 Jahren wird es auf der Erde völlig andere Technologien geben, völlig andere Sicherheitsbestimmungen, völlig neue Probleme, die zu beseitigen sein werden. Niemand wird die Menschen vor den Atommüll-Endlagern warnen können. Unser Wissen um dieses Problem wird langsam aber sicher mit uns aussterben.

40.000 Generationen! Aber wenn alles gut geht fliegt uns dieser Laden, den wir Erde nennen, hoffentlich schon sehr viel früher um die Ohren.

Zurück zum Alltag

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Was für eine Farce.
Ich weiß noch nicht, ob ich traurig, wütend oder enttäuscht sein soll.  Ich weiß nur, es war schlecht, schlecht, schlecht! Es ist ein schwacher Trost, dass am Anfang niemand geglaubt hätte, dass wir überhaupt so weit kommen würden. Immerhin 3 Spiele lang hat Deutschland doch wieder euphorisch ans Finale geglaubt. Da sitzt die jähe Enttäuschung tief. Noch blöder ist es für mich. Ich habe zwar immer kräftig die Daumen gedrückt, aber tief in mir drin, habe ich 5 Spiele lang nicht an die Jungs geglaubt. Ich habe immer mit dem WM-Aus gerechnet. Ehrlich gesagt hätte ich das sogar ziemlich gut verkraften können. Aber dann lieferten Jogis Jungs so tollen Fußball ab, dass ich gestern voll und ganz an den Sieg geglaubt habe. Es war mir auch nicht mehr egal. Ich wollte ihn! Diesen Sieg! Dieses Spiel gegen Holland. Jetzt muss ich, müssen wir alle, uns wohl mit dem vierten Platz abfinden. Glück für den jungen Burschen im Spanien-Trikot, der mir gestern (nach dem Spiel) einsam und allein, aber seine Klingel malträtierend, auf seinem Fahrrad entgegenkam!!

Wirklich traurig ist vor allem, dass jetzt der Alltag zurückkehrt. Jetzt grüßen wir auf der Straße wieder nur die Menschen, die wir kennen. Jedes Lächeln ringen wir uns mühsam ab und vom „in-den-Armen-liegen“ kann schon gar keine Rede mehr sein. Wo ich am Samstag noch mit Fremden feixen konnte, muss ich heute wieder schön die Klappe halten. Gesenkten Hauptes, die deutschflaggenfarbige Kriegsbemalung noch im Gesicht, kam ich gestern Nacht heim. Vor meinem Haus standen zwei Paare mittleren Alters und mittleren Humors mit ihren Fahrrädern, die Flaggen noch am Lenker baumelnd und in ein angeregtes Gespräch vertieft. Als ich sie passierte, rief ich ihnen lächelnd und auf die Fahnen deutend zu: „Na, die müssen Sie jetzt aber Halbmast flaggen!“ Ich erhielt die völlig genervte, fast schon angeekelte Reaktion: „Hä? Wat? Jaja!“ Besonders die Damen fühlten sich durch meinen kurzen Einwurf wohl stark in ihrer öffentlich gelebten Privatsphäre gestört. Das bekam ich aber nur noch hinter meinem Rücken mit, als man sich mit gesenkter Stimme, aber hoch erhobener Nase die Frage stellte: „Was wollte diiiee denn?“, „Was sollte denn das?“ Endstand im Spiel „Jeder-für-sich“ vs. „Alle-für-einen“: 1:0

Das sind die kleinen Auswirkungen, die aber bald nicht mehr auffallen werden, weil wir ja grundsätzlich an diese Zustände gewöhnt sind. Mehr Sorgen macht mir die Vorstellung, dass ca. 40% der Leute, die gestern noch laut „Ööööözil“, „Boaaaaateng“, Cacaaaaauuuuuuu“ und „Poldiiiiiiiiiii“ gerufen haben, morgen wieder den Satz „Scheiß Ausländer“ in ihren Wortschatz integrieren, alle Polen für Autodiebe halten, alle Türken für Knoblauchfresser und überhaupt alle Nichtdeutschen für Sozialschmarotzer. Ginge es nach mir, ich würde mir wünschen, dass die Euphorie noch ein paar Tage anhielte und die Rückkehr zu solchen Stammtischparolen sich noch ganz viel Zeit ließe.

Was das reine Fußballturnier angeht, habe ich schon einen kleinen Rettungsplan erstellt. Zumindest für uns Frauen. Wir sollten uns im nächsten Jahr alle zusammen tun, unsere Autos mit Fahnen schmücken, gröhlen, singen, tanzen, feiern, uns fürchterlich lieb haben, euphorisch sein und uns irgendwo public treffen und gemeinsam viewen… wie die Frauen wieder einmal Fußballweltmeisterinnen werden! Da gäbe es nämlich endlich mal einen Grund zu feiern! Bei unseren Mädels wird die Euphorie immerhin am Ende belohnt! So soll es sein.

In Bezug auf gestern sind meine Tränchen langsam getrocknet, denn als ich heute Morgen erwachte, fiel mir plötzlich wieder ein: „Hey, ich bin ja gar kein Fußballfan!“ Puh…. nochmal Glück gehabt!

Stell Dir vor es ist Frieden, aber niemand macht mit…

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Da ich immer gerne informiert bin, studiere ich mehrfach am Tag die Schlagzeilen der Onlinemedien. Unter anderem folgende Artikel stolperten dabei in den letzten Tagen in meine Wahrnehmung:

  • Mann tötet Frau und Kinder, bevor er sich das Leben nimmt
  • Berühmte Berliner Jugendrichterin nimmt sich das Leben
  • Polizistin erhängt ihre Kinder und sich selbst
  • Mann sticht zehn Mal auf seine Freundin ein, setzt sich dann ohne Helm auf sein Krad und fährt in verkehrter Richtung auf die A3. Er rammt frontal einen Lkw, wird dabei geköpft, sein Körper in den angrenzenden Wald geschleudert.
  • Polizist verursacht tötlichen Frontalunfall. Er und die entgegenkommende Fahrerin sind sofort tot. In seinem Kofferraum findet die Polizei die Leiche seiner Ehefrau.
  • Mann richtet zwei Italiener per Kopfschuss in einer Kneipe hin, nachdem man sich über die Fußballweltmeisterschaft gestritten hatte.
  • Weiterer Kindesmissbrauch innerhalb der katholischen Kirche aufgedeckt.
  • Jugendliche schlagen älteren Herrn krankenhausreif
  • Mord / Vergewaltigung / Ehedramen / Totschlag / Brennende Autos / Mobbing / Suizid / Krise / Drama / Machtkampf / Gewalt….

Nachdem ich heute mal wieder einige solcher Artikel gelesen hatte, rutschte mir der lapidare Ausdruck „Die Menschen sind doch alle bekloppt!“ über die Lippen. Doch dann begann ich darüber nachzudenken und stellte schnell fest, dass das natürlich weder die Ursache, noch die Begründung für all die Dramatik ist. Aber wie zerstört, wie verletzt und wie sehr aus den Angel gehoben, müssen ein Herz, eine Seele und vor allem ein Geist sein, um solcher Taten fähig zu werden? Sind Menschen schon immer, zu allen Zeiten, so massiv psychisch verrutscht, oder ist es ein Phänomen der Neuzeit? Inwiefern ist das ein modernes gesellschaftliches Problem?

Um es auf den Punkt zu bringen: Unsere Gesellschaft ist am Arsch! Man muss sich nur mal in seinem direkten Umfeld umschauen. Am besten dann, wenn nicht gerade alle im WM-Freudentaumel versunken sind. Wie gehen wir Menschen heutzutage miteinander um? Auch wir, die wir uns für gute, wenn nicht gar bessere Menschen halten? Wir lächeln einander nicht mehr zu. Wir grüßen einander nur, wenn wir uns besonders gut kennen. Es gibt kein offenes Ohr, kein wachsames Auge, keine helfende Hand. Wir haben das Gespür für Sorgen, Nöte und Bedürfnisse unserer Mitmenschen verloren. Wir rempeln uns im Supermarkt an und entschuldigen uns nicht.
Wir sind im Dauerstress. Auf der Autobahn ereilen uns regelmäßig halbe Herzattacken, weil wieder jemand hinter uns fährt, der uns massiv drängelt und nötigt, weil es ihm nur um sich geht, und ihm die Angst des Vordermannes scheißegal ist. Eine Stunde später ärgern wir uns an der Supermarktkasse über die Oma, die drei Minuten lang ihr Kleingeld zählt. Wenn es um das spärlich angebotene günstigste Teil im Media-Markt geht, schrecken wir nicht davor zurück, auch mal Schwächere zu schubsen. Durch die Liebe und Zuneigung eines Mitmenschen, fühlen wir uns schon lang nicht mehr geschmeichelt, wenn er nicht perfekt ist. Perfekt schön. Perfekt reich. Perfekt klug. Perfekt talentiert. Perfekt gebaut.
Wir legen uns wegen Nichtigkeiten mit den Nachbarn an. -Du musst den Vorgarten harken. – Nein, Du musst!, statt es selber zu tun, wenn wir meinen, es müsste geharkt werden. Denen, die am Boden liegen, helfen wir nicht auf, wir benutzen ihre Schultern als Trittleitern für unser eigenes Emporkommen. Wir sind zu Egoisten mit Ellbogenmentalität geworden! Wer stärker ist, will auch stärker bleiben. Bloß nicht die Kraft an den Schwachen verschwenden. Wer reich ist, will reich bleiben. Teilen wäre da kontraproduktiv. Es herrscht Krieg!

Und welchen Anteil daran tragen die Medien, das Fernsehen? Zeigen sie ein Abbild unserer Gesellschaft, oder sind wir zum Abbild unseres Fernsehprogramms geworden? Uns wird vorgegaukelt jeder Hartz4-Empfänger wäre faul und asozial. Wir glauben das! Wer nichts wird, wird Scripted-Reality-Star. Die Ausländer nehmen uns angeblich unsere Jobs weg. Wenn Du in der Schule schlecht warst, reicht die Bereitschaft sich von RTL einen Schlampenlebenslauf aufdrücken zu lassen und schon bist Du Superstar!
Du musst schön, perfekt und spindeldürr sein. Wer nicht schön sein will, muss leiden! Ich frage mich, ob all die Frauen, die ich kürzlich bei „Exclusiv – Die Reportage“ sah, auch ohne die Beeinflussung der Medien eines Morgens im Bett hochgeschreckt wären, verfolgt und beherrscht von dem Gedanken, die eigene Muschi ist zu hässlich für diese Welt. An welchem Tag wurde Schamlippenliftig wichtiger als Umgangsformen? Oder liegt es daran, dass uns die Moral in die Hose gerutscht ist?
Erniedrigungs-TV und Peinlichkeitswettbewerbe sind die Quotenrenner unseres alltäglichen Flimmerkistenkonsums. Wir zeigen mit den Fingern auf fremde Leute und lachen laut! Wir schämen uns lieber fremd, als unbedarfte Menschen vor sich selbst zu schützen. Und die dümmsten Bauern kriegen die dickste Narumol.

Auch Zeitung lesen ist nicht besser, wenn wir nicht endlich anfangen zu reflektieren. Aber der Mensch ist nicht glücklich, wenn niemand eine Sau durchs Dorf hetzt. Wer in Zeiten des Sommerlochs auch dem sechsten gesichteten Krokodil in Ruhr und Wupper noch Glauben schenken will, der muss sich zum Glück nur selbst an die Stirn fassen. Aber wenn in der Bild-Zeitung großformatige Fotos von Menschen gezeigt werden, die fett mit den Worten „Kinderficker“ übertitelt sind, die sich dann später als absolut unschuldig erweisen, dann werden Existenzen zerstört. Drei Wochen später kann Bild dann vom nächsten Geisterfahrer berichten und das gleiche Foto noch einmal verwenden.
Wenn irgendwo Menschen zu Opfern von Missbrauch und Vergewaltigung werden, gibt es keine Scheu mehr Namen und Fotos der Betroffenen zu veröffentlichen. Wozu brauchen wir Opferschutz, wenn wir Mitleid heucheln können? Ob das Familien zerstören, oder gar die Seelen der Opfer noch weiter zertrümmern könnte, ist für unseren weiteren Lebensweg ja nicht mehr wichtig.

Es herrscht Krieg! Überall! Die, die hilfesuchend und verzweifelt nach oben blicken, finden keine Führung, keinen Wegweiser mehr. Politikverdrossenheit ist ein fast zu mildes Wort. Die Politiker sind korrupt, machtversessen, geldgeil und undemokratisch. Keinem geht es mehr um das Volk! „Die da oben denken nur noch an sich!“ Bürokratie, hohe Steuern, Ungerechtigkeit und Ausbeutung wohin das Auge blickt. Die Armen werden ärmer, die Reichen werden reicher. Der kleine Mann, begeht Suizid!
Wer früher angefangen hätte zu beten, tritt heute aus der Kirche aus, weil die Vertrauensmänner, Seelsorger und Gottesbrüder jetzt unsere Kinder betatschen.

Wir haben Moral, Ethik, Umgangsformen, Werte und gegenseitigen Respekt mit Füßen getreten. Führung und Leitung scheint es nicht mehr zu geben. Jeder kämpft für sich! Jeder kämpft allein! Wir sind die Rinder, besessen vom Wahn! Es herrscht Krieg!

Ob ich mich wohl noch einmal wundern werde, wenn ich morgen wieder die Zeitung aufschlage, oder GoogleNews lese? Oder wird mich einfach nur das ungute Gefühle beschleichen, in den Spiegel unserer Gesellschaft zu schauen?  Schäme ich mich, oder habe ich Angst ein Teil von ihr zu sein?
Die Menschen der oben wiedergegebenen Schlagzeilen, hatten sicher mehr zu erleiden, als nur die kalte Faust der Gesellschaft. Sicher gab es noch mehr Faktoren. Noch schlimmere Umstände. Schwerwiegende psychische Erkrankungen. Vielleicht! Vielleicht, aber auch nicht! Vielleicht begann ihr persönliches Leid auch einfach an einem Tag, an dem sie auf der Autobahn bedrängt wurden. Oder geächtet, weil sie nicht schön genug waren. Oder an dem Tag, an dem sie ihren Job verloren. Und vielleicht griffen sie zum Messer, als ihre hilfesuchenden Hände zum x-ten Mal ins Leere griffen!

Wir leben nicht im Irak, nicht in Afghanistan, nicht im Kosovo, nicht in Israel, nicht in Korea.
Wir leben in Deutschland!
Es herrscht Frieden, aber niemand macht mit…

Gedanken zu „Martyrs“

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Titel: Martyrs | Martyrs
Regie: Pascal Laugier
Jahr: 2008
Produktionsland: Frankreich
Genre: Horror / Gore
Farbe

Wie im letzten Artikel berichtet, habe ich von einem Freund den Film Martyrs geschenkt bekommen. Ich habe ihm versprochen, mich zu dem Film zu äußern, was ich hiermit tue. Ich sage es gleich vorab, dies wird keine Kritik, wie ich sie z.B. für Inside geschrieben habe. Jeder der des Googelns mächtig ist, wird alle Informationen zu dem Film finden, die er braucht. Kritiken, Zusammenfassungen und unzählige(!) Warnungen sich diesen Film vielleicht doch besser nicht anzusehen.

Bevor ich auf den eigentlichen Film zu sprechen komme, kurz ein paar Worte zu der 2-Disc-Special-DVD, die ich von meinem Freund geschenkt bekommen habe. Die DVD enthält viele sehr spannende Extras, ein einstündiges Making-of und Interviews mit Regisseur und dem Special-Effects-Mann (der sich leider ein halbes Jahr darauf das Leben nahm).
Zugegebenermaßen raubt das Making-of ein wenig die Illusion, denn natürlich sind all die „schlimmen“ Effekte nichts weiter, als wahnsinnig gute, aber gänzlich unschockierende Handwerkskunst. Wirklich beeindruckt hat mich die Darstellerin des „Dämons“. Ihre grotesken Verrenkungen entspringen keiner hochmodernen CGI-Technik. Stattdessen engagierte man eine Kontorsionistin, die all die Bewegungen tatsächlich selber ausführt. Großartig!
Überrascht war ich vom Regisseur, der in keinster Weise der durchgeknallte Irre ist, wie man sie hinter Horrorfilmmachern gemeinhin erwartet. Ganz im Gegenteil zu den Machern von Inside, die sich selber so unsagbar geil finden, dass sie ihr Splatterwerk sogar bedenkenlos einem achtjährigen Kind zugemutet hätten.

Nun aber zum eigentlichen Film. Filmstarts.de schrieb dazu, Zitat:

Vor allem unsere französischen Nachbarn empfehlen sich seit einiger Zeit als Experten für grimmigen Realo-Horror. Ob nun Alexandre Ajas High Tension, die degenerierte Nazifamilie in Frontier(s) oder der Schwangerschafts-Schocker Inside – jedes Mal versprechen uns die Macher, dass das aber nun wirklich „der härteste Film aller Zeiten“ sei, der Dinge zeige, die man so vorher noch nicht gesehen hat und ganz sicher auch nicht wieder vergessen werde und überhaupt, bla bla bla, schon klar. Letztendlich konnten auch die jungen französischen Wilden ihre vollmundigen Versprechen nur bedingt halten – und der hart gesottene Genrefan wartet noch immer auf „diesen einen Film“, der sich endlich traut. Der weiter geht als alle anderen. Der Tabus bricht, Grenzen überschreitet. Der sich tief in den Magen und die Seele bohrt und dort ein blutiges Chaos aus Entsetzen und Verstörung hinterlässt. Pascal Laugiers „Martyrs“ ist nun „dieser eine Film“.

Nein, genau das ist er NICHT! Und das ist auch gut so! Lies den Rest dieses Beitrags

Von Intellektuellen, “Gutmenschen” und Political Correctness

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Im Laufe eines normalen Tages bewege ich mich ein paar Stunden im Internet. Es beginnt immer damit, dass ich meine favorisierten Blogs durchstöbere, die mich dann meist wieder auf andere Seiten bringen, dann auf GoogleNews surfe und von Schlagzeile zu Schlagzeile springe. Da ich keine Zeitung abonniert habe, aber dennoch wissen will, was auf der Welt vor sich geht, bediene ich mich des Internets. Dabei bin ich bemüht meine Informationen aus „vertauenswürdigen“ Quellen zu erhalten und sehr oft lese ich zu einem einzigen Thema, die Beiträge verschiedener journalistischer Medien. Wer und was wirklich vertauenswürdig ist, ist nicht immer leicht zu filtern. Heute glaubst Du noch, dass ein spezielles Medium ordentlich recherchiert und Meinungsmache umgehen will, am nächsten Tag findest Du in demselben Medium einen Artikel, der all den guten Glauben wieder zunichte macht. Sagen wir jetzt einfach mal es gibt 20 große und wichtige Zeitungen und journalistische Blogs, dann kann man fast davon ausgehen, dass es zu einem Thema auch 20 unterschiedliche Meinungen und Ansichten gibt, wobei jeder von sich behauptet „Qualitätsjournalismus“ zu betreiben und auch die einzig wahre Sichtweise auf die Dinge gefunden zu haben. Wenn man sich einfach nur informieren will, besonders wenn es ein Thema ist, zu dem man selber noch gar keine allzu dezidierte Meinung hat, weil man ja eben noch nicht informiert ist, dann fällt es ziemlich schwer, Qualität von Nonsens zu unterscheiden. Zu erkennen ob eine Hintergrundinformation korrekt oder nicht korrekt recherchiert wurde. Festzustellen ob die Meinung zu der man tendiert überhaupt die richtige, ethisch korrekte Meinung wäre. Dabei macht es keinen Unterschied ob man sich in gedruckten Zeitungen oder im Internet informiert. Doch im Internet kommt noch ein ganz entscheidender Punkt hinzu. Einer, der das ganze Dilemma noch verschärft. Die Rede ist von den Kommentarspalten. Aufgrund der Kommentarspalten sieht man sich dann nämlich nicht nur mit den 20 verschiedenen Ansichten der 20 verschiedenen Medien konfrontiert, sondern auch noch mit den Meinungen von 20.000 Mitbürgern.

Neben den eigentlichen Artikeln lese ich sehr oft auch die dazugehörigen Kommentare mit großem Interesse, oft in der Hoffnung, dass sie meine eigene Meinungsfindung unterstützen. Doch je mehr Themen von immer mehr Menschen aus den unterschiedlichsten Schichten kommentiert werden, desto mehr muss ich mich von dieser Hoffnung verabschieden. Dabei sind das Problem nicht die unterschiedlichen Meinungen zu einem Thema an sich. Das wahre Problem der Kommentarspalten liegt in der Art und Weise wie viele Menschen ihre Meinungen vertreten. Lies den Rest dieses Beitrags